Kindergarten

Kinder kennen keine Berührungsängste

Werkplatz Sandkasten: Das gemeinsame Spiel steht im Zentrum.  (Bild: Peter Siegrist)

Kinder kennen keine Berührungsängste

Werkplatz Sandkasten: Das gemeinsame Spiel steht im Zentrum. (Bild: Peter Siegrist)

Seit sechs Jahren führen Gontenschwil und Holziken zusammen mit dem Heilpädagogischen Kindergarten der «Schürmatt» einen Kooperativen Kindergarten – ein erfolgreiches Modell.

Peter Siegrist

Der Kooperative Kindergarten ist eine mögliche Antwort auf die Frage: Sollen Kinder mit einer Behinderung getrennt in einem Heilpädagogischen Kindergarten gefördert werden oder können sie einen Regelkindergarten besuchen.

Der Kooperative Kindergarten lässt das Zusammengehen zu, er lässt aber auch die Möglichkeit des teilweise getrennten Unterrichts immer offen.

Eine Klasse eines Heilpädagogischen Kindergartens der Stiftung Schürmatt in Zetzwil und eine Kindergartenklasse der Gemeinde werden in aneinandergrenzenden Räumen geführt. So können die Kindergärtnerinnen und Heilpädagoginnen einzelne Unterrichtssequenzen gemeinsam führen, nach Bedarf aber auch allein mit ihren «Standardklassen» arbeiten.

In Gontenschwil liegen die beiden Räume übereinander. Falls ein Kind auf einen Rollstuhl angewiesen ist, kann es die Treppe mit einem Lift überwinden. In Holziken grenzen die Kindergartenzimmer aneinander.

Täglich gemeinsame Zeiten

Das Konzept sieht vor, dass täglich gemeinsame Aktivitäten stattfinden. So spielen die Kinder einmal oben, treffen sich auf dem gemeinsamen Spielplatz, besuchen gemeinsam den Turnunterricht. «Die Pädagoginnen haben aber immer die Möglichkeit, sich mit ihrer Klasse zurückzuziehen, wenn es die aktuelle Situation erfordert», sagt Heinz Linder, Leiter Geschäftsbereich Kinder und Jugendliche der Schürmatt. Wichtig sei der Mehrwert für die Kinder, der mit diesem Schulungsmodell erarbeitet werde. So lernen die Schürmatt-Kinder, sich in Situationen des Regelumfeldes in einer Grossgruppe zu bewegen. Die Regel-Kinder ihrerseits kommen täglich mit Kindern in Kontakt, die wegen ihrer Behinderung besondere Bedürfnisse oder ein besonderes Verhalten haben. Heinz Linder: «Die Kinder nehmen die Unterschiede wahr und auch wenn es einmal Crash gibt, erfahren und lernen sie viel voneinander.» Die Erfahrungen in den letzten Jahren haben gezeigt, dass dieses System für alle Beteiligten, Kinder, Pädagoginnen und Eltern, Vorteile bringt. Die Kindergärtnerinnen und Heilpädagoginnen müssen eng zusammenarbeiten, ihre Unterrichtsprogramme aufeinander abstimmen.

Individuell: Die Eingangsstufe

Die gemeinsame Arbeit trägt Früchte. Rund die Hälfte der Kinder aus der heilpädagogischen Klasse konnten in den letzten Jahren in einer Regelklasse eingeschult werden. Diese Möglichkeit wird unterstützt durch die Eingangsstufe, wo Kinder, die noch etwas mehr Zeit brauchen, bereits mit regulärem Schulstoff unterrichtet werden.

In den letzten Jahren habe sich gezeigt, dass die Kinder keine Berührungsängste hätten und gut miteinander umgehen könnten, sagt Gisela Roth, Leiterin Bereich Kindergarten in der Schürmatt. Klar, der Umgang mit Verhaltensauffälligen sei auch für die Kinder nicht einfach, aber zu bewältigen.

Und die Eltern? Akzeptieren sie das Miteinander? Die Erfahrungen hätten gezeigt, sagt Heinz Linder, «dass wir jedes Jahr gut informieren müssen.» Natürlich seien auch Bedenken und Ängste geäussert worden. «Wird mein Kind genügend gefördert, wenn auch Behinderte dabei sind?» – «Wir laden Väter und Mütter ein, den Kindergartenalltag zu besuchen», erklärt Gisela Roth, «dann bricht jeweils das Eis, die Angst der Eltern wird zur Freude.»

Die Beteiligten müssen wollen

Als die Schürmatt vor acht Jahren den Gemeinden im Bezirk Kulm die Idee des Kooperativen Kindergartens vorstellte, haben Holziken und Gontenschwil zugesagt. «Ich war fasziniert davon, dass sich unsere Gemeinde darauf einliess», sagt Renate Gautschy, Gemeindeammann von Gontenschwil. Durch die Nähe zur Schürmatt sei die intensive Zusammenarbeit leicht von- statten gegangen.

Das Departement für Bildung, Kultur und Sport hat den kooperativen Kindergarten im letzten Jahr überprüft (auditiert) und im Bericht festgehalten: «Wir haben eine hohe Übereinstimmung zwischen Konzept und der praktischen Umsetzung festgestellt.» Für Heinz Linder steht fest, dass dieses Modell nur funktionieren kann, wenn die Kindergärtnerinnen und Heilpädagoginnen zusammenarbeiten und gemeinsam gestalten wollen.

Am nächsten Freitag, 20. August, feiert Gontenschwil das 6-Jahr-Jubiläum im Schulhaus Unterdorf. «Wir feiern ein Zukunftsmodell, welches funktioniert», sagt Heinz Linder. Eine Woche später feiert Holziken.

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