Der erste Schuss fiel um 13.23 Uhr. Es war der Vater, der abdrückte. Dabei ist der Schnuppertag im Schützenhaus Bülach etwas für Kinder. Die Idee, zum Schiessstand zu fahren, kam von der Mutter und es geht eigentlich um Sohn Colin. Der 11-Jährige ist auf der Suche nach einem Hobby. Fussball mag er nicht, und Konzentrieren zählt zu seinen Stärken.

Im Schiessstand ist das ein grosser Vorteil. So richtig überzeugt wirkt Colin dennoch nicht, als er auf dem grünen Plastikteppich liegt und die Schulterstütze an seinen kleinen Körper drückt.
Dann peitscht ein Schuss aus der Gewehrmündung. Der Knall wird durch die dicken Kopfhörer gedämpft, die im Schiessstand alle tragen müssen. Colin trifft ins Schwarze. Vier von fünf Punkten. «Zuerst hatte ich Angst, aber dann war es gar nicht so schlimm», sagt er, als er wieder steht.

930'000 Schuss Gratismunition

André Grether ist zufrieden. Einem Dutzend Neuinteressierten kann er an diesem Samstagnachmittag im Januar das Schiessen näher bringen. «Das ist doppelt so viel wie im letzten Jahr», sagt der Bülacher Jungschützenleiter. Die Jungen sind zurück im Schiessstand. Das zeigen auch die Teilnehmerzahlen der Jungschützenkurse, an denen Kinder wie Colin noch nicht teilnehmen dürfen. Sie sind ab 15 Jahren freigegeben. 10'079 Jugendliche haben im Jahr 2017 einen solchen Jungschützenkurs absolviert. 2015 waren es noch knapp 7000 (siehe Grafik). Jungschützenkurse sollen auf die Rekrutenschule vorbereiten.

Der Bund lässt sich diese verdienstliche Ausbildung einiges kosten. 10'585 Sturmgewehre gab die Armee an Kinder und Jugendliche ab. Dazu gab es 930'000 Schuss Gratismunition. Insgesamt unterstützte das Verteidigungsdepartement die Jungschützenkurse mit Zuwendungen im Wert von 862'000 Franken. Weitere 65'000 Franken kommen für die Ausbildung der Jungschützenleiter hinzu. Die Kosten sind in den letzten zwei Jahren mit den Teilnehmerzahlen gestiegen.

Mindestalter sinkt

Die Wende kam im Jahr 2016, als das Mindestalter für Teilnehmer an diesem militärischen Vorbereitungskurs von 17 auf 15 Jahre gesenkt wurde. Dass 2016 die Teilnehmerzahlen hochschnellen würden, war zu erwarten. Schliesslich konnten sich gleich drei statt nur einem Jahrgang zum ersten von sechs Kursen anmelden. Dass die Zahl nun kaum zurückging, zeigt: Das Schiessen ist bei den Jugendlichen wieder beliebter.

Als der Bundesrat beschloss auch 15-Jährige zum Kurs zuzulassen, gab es Kritik. Vor allem im linken Lager wollte man nicht einsehen, warum bereits Teenager ans Sturmgewehr sollen. Allerdings: Mit oder ohne Subventionen, durch den Bund, in der Schweiz sind Kinder schon in zartem Alter am Sturmgewehr anzutreffen.

Am Schnuppertag in Bülach gehört die 10-jährige Mina nicht etwa zu den Neulingen. Sie ist schon seit einem Jahr dabei. Wie ein Profi setzt sie die Augenabdeckung auf, um besser zu treffen. «Ich finde schiessen einfach cool», sagt sie. Für sie ist es ein Sport wie jeder andere. «Ich spiele auch Fussball», fügt sie an und zuckt mit den Schultern.

In deutschen Schützenvereinen brauchen Zehnjährige eine Ausnahmegenehmigung, um mit einem echten Gewehr zu hantieren. Ist es nicht etwas sonderbar, wenn Zehnjährige schon mit scharfer Munition und halbautomatischen Waffen schiessen? Der Bülacher Jungschützenleiter Grether kennt den Einwand. Manchmal komme es an den Schnuppertagen zu Diskussionen. Er gibt zu bedenken, dass die Kinder nur unter Anleitung und Aufsicht schiessen. Zudem gehe es um Sport und nicht ums Töten. Die schwarzen Punkte, auf die geschossen wird, ähneln weder Mensch noch Tier. Nur selten wird auf ein Wildschweinsymbol gezielt.

Besser als mit der Kügelipistole

Der 11-jährige Colin wusste nach dem Schnuppertag noch nicht, ob er seine Freizeit in Zukunft im Schiessstand verbringen will. Seine Eltern wären dafür zu haben. Zur Frage, ob es nicht etwas zu früh ist, dem Kind ein Sturmgewehr in die Hand zu drücken, sagt Colins
Mutter , es sei ihr lieber, wenn ihr Sohn unter Anleitung schiesse, als in der Nachbarschaft mit der Kügelipistole herumzufuchteln. Sie selbst hätte übrigens am Schnuppertag in Bülach auch gerne geschossen. Doch sie verzichte wegen Schwangerschaft.