Erneuerbare Energie
Kernphysiker: «Atomstrom kann ersetzt werden»

Laut Jürg Schacher, Kernphysiker am Cern, macht die Erneuerbare Energie AKW bald überflüssig. Er brauche einfach ein Umdenken und vor allem ein «Umhandeln».

claudia weiss
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Solarzellen, Windkraftwerke und Geothermie können in Zukunft die gefährlichen AKW überflüssig machen.

Solarzellen, Windkraftwerke und Geothermie können in Zukunft die gefährlichen AKW überflüssig machen.

Keystone

Herr Schacher, sind Sie als Kernphysiker überrascht von der Atomkatastrophe in Japan?

Jürg Schacher: Nein, für mich war eindeutig voraussehbar, dass so etwas über kurz oder lang irgendwo passieren muss. Aber ich triumphiere keineswegs, sondern empfinde grosses Bedauern. Die Katastrophe zeigt deutlich: Neue Atomkraftwerke sind in unserer Welt nicht mehr vertretbar. Ich verstehe erst recht nicht, wie man bei maroden Kraftwerken die Betriebsbewilligung verlängern kann. Das ist vergleichbar mit der gefährlichen Fahrt in einem Auto, das am Auseinanderfallen ist.

Könnte ein Zwischenfall wie in Japan auch in der Schweiz passieren?

Nicht genau gleich, aber ähnlich. Wir sitzen sozusagen auf einem Pulverfass: Erdbeben, Flugzeugabstürze, menschliches oder technisches Versagen – davor sind wir nicht gefeit. Auch ein kleines Risiko ist ein Risiko. Und damit leben wir erst noch unnötigerweise.

Was meinen Sie damit?

Die rund 40 Prozent Atomstrom können durch Einsparungen, Effizienz und erneuerbare Energiequellen abgegolten werden. Aber es braucht
ein Umdenken und vor allem ein «Umhandeln»: einen Stopp von Energieverschwendung wie Heizen bei offenem Fenster und eine klare Steigerung der Energieeffizienz. Den Restbedarf können dann erneuerbare Energiequellen abdecken.

Von welchen Energiequellen sprechen Sie genau?

Ich spreche von mehreren erneuerbaren Quellen, nämlich von Geothermie (Erdwärme), Solarenergie, Windenergie, Bio-Energie und Wasserenergie. Keine dieser Energiequellen für sich allein genügt, es braucht einen Mix von erneuerbaren Energiequellen, Energiesparen und besserer Energieeffizienz. Ich sehe das als Mosaiksteinchen: Zusammen ergeben sie ein ganzes Mosaik, welches die 40 Prozent Atomstrom vollumfänglich ersetzen kann.

Können wir in der Schweiz damit genügend Energie gewinnen?

Zusammengezählt, ja. Sehr grosses Potenzial sehe ich beispielsweise in der Geothermie. Natürlich, viele erinnern sich noch an die Probebohrungen in Basel, die ein Erdbeben auslösten. Aber das ist genau der Punkt: Bei einem Kernkraftwerk hätte eine vergleichbare Panne eine Katastrophe verursachen können, bei den erneuerbaren Energiequellen halten sich Unfälle in einem begrenzten Rahmen. Solarenergie ist sehr wichtig, hier wären Vorschriften notwendig, damit Solarzellen auf dem Dach ein Muss werden: Wir müssen uns im Auto angurten und Steuern zahlen, nur bei der Energie möchte niemand Vorschriften machen. Und was Windenergie anbelangt, ja, da können wir in der Schweiz tatsächlich nur einen kleinen Teil produzieren. Aber den Rest können wir importieren, das ist kein Problem, es gibt ja nicht nur die Schweiz.

Aber es macht doch Sinn, den Strom in der Schweiz zu produzieren?

Ja, natürlich, soweit es geht. Aber Uran für die Atomkraftwerke holen wir auch im Ausland, und was die so genannte CO2-Neutralität anbelangt, wird schamlos gelogen. Die Kernspaltung an sich ist tatsächlich neutral, aber bis beispielsweise Uran aus den Bergwerken gefördert und bis in die Schweiz transportiert ist, werden enorme Mengen an CO2 erzeugt. Ein Import von Windenergie dagegen ist – abgesehen vom erforderlichen Bau der Leitungen – unproblematisch.

Und Sie glauben, dass ein totaler Ausstieg aus der Atomenergie funktioniert?

Ohne Aufwand und ohne Preis ist es unmöglich, das ist klar. Auch muss Geld in Forschungsprojekte für erneuerbare Energie fliessen. Ausserdem sind Sparmassnahmen unerlässlich, ohne dass man dafür auf Luxus verzichten müsste – Stand-by-Strom vermeiden, dichtende Drehtüren in Warenhäusern einbauen, solche Sparmassnahmen schmerzen nicht. Allerdings ist der Anreiz heute viel zu gering, wenn eine Firma viel Strom benötigt, wird die Kilowattstunde billiger. Das ist ein total verkehrtes System. Und es kann nicht sein, dass nur wegen Geld eine höchst unsichere, angsterregende Technologie weitergeführt wird – in dieser Frage geht es um die Menschen und die Umwelt, um Ethik.