Energiegesetz

Kernenergie-Befürworter: «Die Bevölkerung wird zu wenig oder falsch informiert»

Hans-Rudolf Lutz und Ulrich Fischer kennen die Atomenergie wie wenige andere. Trotz Katastrophen ist ihr Vertrauen in die Technologie unerschütterlich. Es geht auch um Wehmut und Stolz.

In einer guten Woche fällt das Beil. Kernenergiegesetz, Artikel 12a: «Rahmenbewilligungen für die Erstellung von Kernkraftwerken dürfen nicht erteilt werden.» Nicht erteilt. Es sind diese beiden Worte, die das Ende einer Ära in der Schweizer Energiepolitik einläuten – wenn denn die Bevölkerung am 21. Mai dem neuen Energiegesetz zustimmt.

Die Schweizer Atomkraftwerke müssten deswegen nicht von heute auf morgen ihren Betrieb einstellen. Solange sie sicher sind, dürfen sie weiterlaufen. Hans-Rudolf Lutz und Ulrich Fischer beruhigt das wenig. Sie sagen: «Den Neubau gemäss revidiertem Energiegesetz zu verbieten, ist unnötig und falsch», sagt Lutz. Seine Stimme bebt, der Gesichtsausdruck wird ernst. Man merkt: Es ist für ihn mehr als ein politischer Beschluss, es geht um einen der Grundpfeiler des Staates. Und auch ein bisschen um Wehmut und Stolz.

Abstimmung: Was wissen die Schweizer über das Energiegesetz?

Abstimmung: Was wissen die Schweizer über das Energiegesetz?

Zürich - 10.5.17 - Am 21. Mai stimmt die Bevölkerung über das neue Energiegesetz ab. Doch was wissen die Schweizerinnen und Schweizer über die Vorlage? Eine Umfrage.

Denn wie auch für Kollege Fischer, den er seit Jahrzehnten kennt, gilt: Das berufliche Leben stand ganz im Zeichen der Kernenergie. «Als Mitarbeiter des Aargauer Baudepartementes wurde ich 1969 mit dem Projekt eines Kraftwerkes konfrontiert, das pro Stunde 7,3 Tonnen Öl verbrannt hätte. Da war für mich klar: Wir müssen stattdessen auf die Kernkraft setzen, mit der Strom ohne CO2-Ausstoss produziert werden kann», sagt Fischer.

Direktor des AKW Mühlenberg

Ein Jahr danach trat er der Motor-Columbus bei, dem Unternehmen, welches das AKW Kaiseraugst bauen wollte, und wurde später dessen administrativer Direktor. Lutz seinerseits dissertierte zur Kernenergie, war beim Bau des AKW Mühleberg vom ersten Spatenstich an dabei und dessen Direktor, als das Werk 1972 ans Netz ging.

Kurz: Fischer und Lutz kennen die Kernenergie wie wenige andere in der Schweiz. Vor allem aber ist ihr Glauben in die Technologie so unerschütterlich wie die Halbwertszeit von Plutonium. Die Abfallproblematik? «Die Einschliessung der verglasten radioaktiven Rückstände oder der nicht wiederaufgearbeiteten Brennstäbe in geeignetem Gestein ist auch auf lange Sicht absolut sicher. Die Bevölkerung wird in dieser Frage zu wenig oder falsch informiert», sagt Fischer. Die hohen Kosten eines allfälligen Neubaus? «Neue Reaktoren werden dank kleinerer Leistung und Serienbauweise vollständig sicher und auch viel billiger sein», sagt Lutz. Diese Entwicklungen würden in den Medien kaum thematisiert.

Selbst die Gefahr von Reaktorkatastrophen wie in Tschernobyl oder Fukushima bringt die Kernenergie-Urgesteine nicht aus dem Konzept. «Wegen der unterschiedlichen Bauweise hätten diese in der Schweiz nicht passieren können. Auch die Aufsicht ist bei uns viel strenger», ist Fischer überzeugt. Auch ein Terroranschlag sei dank der dicken Reaktor-Schutzhüllen und der Rund-um-die-Uhr-Bewachung «hierzulande kein Thema».

Dass die Havarie von Fukushima Bundesrat und Parlament dazu veranlasst hat, der Kernenergie den Rücken zu kehren, ist für Lutz «purer Opportunismus» und ein «Nachäffen» der Politik Angela Merkels. Weltweit spreche niemand vom Atom-Ausstieg und die Forschung für Reaktortypen der vierten Generation, die höchste Sicherheit und Wirtschaftlichkeit biete, sei in etlichen Ländern schon weit fortgeschritten. «Da darf die Schweiz nicht nachhinken», sagt Lutz.

Waren sich alles andere als einig: SVP-Nationalrat Hansjörg Knecht und SP-Grossrat Max Chopard streiten im «TalkTäglich» über die Energiestrategie.

Waren sich alles andere als einig: SVP-Nationalrat Hansjörg Knecht und SP-Grossrat Max Chopard streiten im «TalkTäglich» über die Energiestrategie.

(25.4.2017)

«Insofern bin ich ein Grüner»

Genau das befürchten die beiden aber bei einem Ja zum Energiegesetz. Auch wenn dieses kein explizites Technologieverbot vorsehe, ist es in ihren Augen faktisch dennoch eins. «Wer investiert denn noch in die Forschung, wenn ohnehin kein Werk mehr gebaut werden darf?», fragt Fischer rhetorisch.

Gegen den Ausbau von erneuerbaren Energien und Effizienzmassnahmen, wie die Energiestrategie sie vorsieht, hätten sie nichts. «1998 war ich in meiner Gemeinde der Erste, der eine Solarzelle auf dem Dach installierte. Insofern bin ich ein Grüner», sagt Fischer, der 16 Jahre lang für die FDP im Nationalrat sass.

Vieles dreht sich um die Versorgungssicherheit

Die Hauptsorge der Atomfreunde gilt der Versorgungssicherheit. Entgegen den Prognosen des Bundes können langfristig aus ihrer Sicht nur klimaschädliche Gaskraftwerke die nötige Bandenergie liefern. Oder aber – und dafür setzen sie sich weiterhin ein – zu erstellende Atomkraftwerke der neusten Generation. Dass diese Ansicht von den Betreibern, die ihre Gesuche jüngst auch formell zurückgezogen haben, nicht geteilt wird, stört sie nicht. Im Gegenteil: Fischer und Lutz sehen sich als Pioniere. «Wir sind keine Ewiggestrigen. Wir sind Ewigübermorgige», sagt Lutz und erwähnt, dass er bereits 1979, als Erster in der Schweiz, ein Elektromobil registrieren liess. Mittlerweile sind ihm viele Verkehrsteilnehmer gefolgt – und es werden stetig mehr. Für Lutz ist auch deshalb das im Energiegesetz festgeschriebene Reduktionsziel beim Pro-Kopf-Stromverbrauch «schlicht nicht zu erreichen». Der Verbrauch werde wegen Elektromobilen, Wärmepumpen und des Bevölkerungswachstums sogar noch zunehmen.

Fischer nimmt das Buch zur Hand, das er über das «verhinderte Kernkraftwerk» Kaiseraugst geschrieben hat, Lutz illustriert seine Argumente mit Statistiken und eigenen Berechnungen. Das Feuer für die Materie ist bei ihnen nicht erloschen, je länger sie reden, desto überzeugter sind sie von der Aufrichtigkeit ihres Kampfes für die Atomkraft. Dass eine Mehrheit der hiesigen Energieexperten der Kernenergie keine Zukunft gibt, beeindruckt sie nicht. «Wir leben nun mal in einer Spezialistengesellschaft – ich erkläre auch keinem Arzt, wie er eine Blinddarm-Operation durchführen soll. Also haben auch die Nuklearspezialisten ein Recht, dass man ihrem Wissen und Können Vertrauen schenkt», sagt Lutz. Noch sind «man» Bundesrat und Parlament. In wenigen Tagen vielleicht auch die Bevölkerung.

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