Eine gehörige Portion Skepsis mischt mit, wenn Schützen und Journalisten sich aufeinander einlassen. «Nein, das sind sicher keine Schützen», wird einer der Dürrenäscher sagen, nachdem er die beiden Reporter gemustert hat. Diesen wiederum ist es nicht ganz geheuer, wenn sie bei Pulvergeruch und ohrenbetäubendem Schiesslärm mit Schützen sprechen wollen.

Vielleicht reagieren deshalb sämtliche angefragte Vereinspräsidenten äusserst zurückhaltend, als es darum geht, ihre Schützlinge ans Eidgenössische zu begleiten. Nicht schiessende Journalisten – können sie das Schützenwesen überhaupt fassen, geschweige denn verstehen? Werner Stauffer von der Schützengesellschaft Dürrenäsch willigt schliesslich ein. So begleitet die «Nordwestschweiz» die Dürrenäscher Schützen einen Tag ans Eidgenössische.

Sie sind früh unterwegs. Schliesslich ist der Weg weit bis ins Wallis, wo sie bis zum Sonntagabend ihre Stiche schiessen. Am liebsten in die Kränze. «Wir sind aber nicht so ambitioniert, wie das bei anderen Schützengesellschaften der Fall ist», warnt Werner Stauffer vorweg.

Die Ausrüstung der Schützen.

Die Ausrüstung der Schützen.

Seine Frau Marianne, eine exzellente Schützin, und der Sohn Philipp, ein Berufsoffizier, sind auch dabei, als sie und die anderen 16 Vereinsmitglieder sich um 6 Uhr in den Car setzen. Alle freuen sie sich. Nicht nur aufs Schiessen, sondern auch und vor allem auf das Gesellschaftliche. Zum Beispiel auf die Weindegustation mit dem Walliser Plättchen am selben Abend.

Dürrenäsch ist Schützenland. Das Dorf ist klein, liegt auf dem Land. Im Kanton Aargau, dem Gründerkanton des ehemaligen Schweizer Schützenvereins (1824) und heutigen Schweizer Sportschützenverbands. In einem Kanton, der nach Bern und Zürich die grösste Bastion der Schützen ist.

Geografisch liegt Dürrenäsch eigentlich im Wynental, ist aber Seetal-orientiert. Eine Identitätsfrage. Aargauer ja, aber aus welchem Tal? Es bleibt das Dorf. Ein lebendiges Vereinsleben zeichnet es aus. Junge gehen zwar fort von hier, doch am Wochenende zieht es sie zurück. Zurück in die Vereine. Zurück an die Vereinsfeste. Wo man sich hilft. Wo man gemeinsam feiert. Zum Beispiel in der kleinen Schützengesellschaft. Dürrenäscher sind eben in erster Linie Dürrenäscher. Wie Schützen sich als Schützen identifizieren.

Schiefe Witze, träfe Sprüche

Die Waffen liegen samt Gepäck in den Verstauräumen des Cars. Schützenpräsident Stauffer spricht lieber von Sportgeräten. Unterwegs soll der Schützenverein Hallwyl aufgeladen werden, mit dem man sich den heimischen Schiessstand teilt.

Das jüngste Mitglied ist 18, heisst Eveline Sturzenegger und ist angehende Geomatikerin. Das älteste neben dem Präsidenten Stauffer 67 und Rentner: Marcel Bertschi hat Mühe beim Sehen, sich gerade erst von einer Augenoperation erholt. «Mal schauen, wie gut es läuft. Geht es nicht mehr mit den Augen, so höre ich auf mit dem Schiessen», sagt er. Pensionär Bertschi hat sich viel vorgenommen. Sein Sturmgewehr 57 war die persönliche Ordonnanzwaffe während des Dienstes. «1968 konnte ich sie übernehmen.» Wie treffsicher Pensionär Bertschi mit seinem Gewehr ist, wird er uns noch beweisen können.

Neben all den Standardgewehren, wie die Schützen sie nennen, sind am Eidgenössischen sämtliche Ordonnanzwaffen der Armee zugelassen: von den historischen Langgewehren und Karabinern über das Sturmgewehr 57 zum Sturmgewehr 90, der aktuellen Armeewaffe.

Auf der Autobahnraststätte Grauholz nahe Bern machen die Schützen Pause. Es gibt Filterkaffee aus dem Thermoskrug und mitgebrachte Brötchen. Dann geht es weiter Richtung Genfersee. Um 8.30 öffnen die Ersten ihre Bierflaschen, der gedämpften Morgenstimmung weicht Ausgelassenheit. Zu früh für andere. «Vor 11 Uhr trinke ich sicher keinen Alkohol», ruft einer durch den Bus.

«Was, der Genfersee?», ruft ein anderer. Als hätte er es noch nie bis in die Westschweiz geschafft, die insgesamt als weniger schützenfreundlich gilt als die ländlichen Gebiete der Deutschschweiz.

Heiterkeit: Die einen landen träfe Sprüche, die anderen punkten mit schiefen Witzen.

«Wie nennt man das, wenn Bäume links und rechts die Strasse säumen?», fragt einer eine der wenigen Frauen, die mit ins Wallis reisen.

«Einen Wald?»

«Nein, eine Allee natürlich. Und wie nennt man es, wenn nackte Männer links und rechts der Strasse stehen?»

«Ich weiss es nicht.»

«Eine Sackgasse.»

Gelächter. Einer fängt eine politische Diskussion an. Zuerst geht es um Schweizer Traditionen, das Schützenwesen und die Schweizer Unabhängigkeit. Dann jagen sich die Themenwechsel: Schnell landet er beim Asylchaos, das hausgemacht sei. Man könne doch nicht allen und jedem helfen.

Waffenkontrolle und Fendant

Visp und das Festgelände rücken näher. Der Diskussionsstoff geht zur Neige. Alle sind froh, als die Kugelfangwände an der Strasse auftauchen. Dumpf hallt der Lärm bis ins Innere des Cars. 2,1 Millionen Schuss werden es nach vier Wochen Schützenfest gewesen sein.

Ein starker Wind bläst durchs Tal. Kein gutes Omen. Für einen der Schützen aber schon: «Dann weiss ich wenigstens, wem ich die Schuld zuweisen kann, wenn ich nicht treffe», sagt er froh.

Vor dem Festgelände packen die Schützen die Rollkoffer aus, in denen sich ihre Gewehre befinden. Der Kassier hisst die Vereinsflagge. Ein Soldat markiert Präsenz im eroberten Gebiet. Im grossen Zelt geht es zur Waffenkontrolle.

Im Lederjäckchen, das Handtäschchen in der einen, das Sturmgewehr 90 in der anderen Hand, schlendert die 18-jährige Eveline Sturzenegger über den Platz. Die Ersten genehmigen sich einen Ballon Fendant. Laute Schüsse, Chilbistimmung. Daneben räumen Asylbewerber den Abfall weg.

Eine Wertegemeinschaft

Fachmännisch prüft der Kontrolleur die ihm gereichte Waffe, lädt einmal durch, inspiziert sie genau. Klebt das Gütesiegel auf den Lauf, gibt sie zurück und wünscht: «Gut Schuss!» Eveline strahlt und geht zum nächsten Tresen, wo sie Munition fasst. Die Dürrenäscher müssen auf den Schützenstand Riedertal ausweichen. Einer der modernsten, wie sie bald staunend feststellen.

Pensionär Bertschi ist einer der Ersten des Vereins, der sich auf das «Schiessläger» legt. Neben ihm zielt einer mit einem altertümlichen Karabiner auf die 300 Meter entfernten Scheiben. Nach jedem Schuss muss er nachladen. Es sieht anstrengend aus, wie sich dabei die Muskeln verkrampfen.

Bertschi strahlt. Er hat so gut geschossen wie nie. 89 Punkte, damit ist er gut in den Kränzen.

Bald ist Eveline Sturzenegger an der Reihe. Die Waffe sieht bedrohlich aus. In der Hand der zierlichen Frau schon fast absurd. «Ich sehe keine Waffe», sagt ihr Vater, der daneben steht, trotzig. «Für mich ist das ein Sportgerät.»

Und Eveline? Fürchtet sie sich nicht vor dem martialischen Gerät? «Sieht eigentlich schon ein wenig bedrohlich aus», räumt sie ein. Aber nicht die Waffe oder das Schiessen als solches hätte sie gestört, als sie bei den Jungschützen einstieg. Viel mehr der Lärm. «Er machte mir am Anfang zu schaffen.»

Was ist es denn das Faszinierende am Schiessen? «Beim Schiessen vergesse ich alles rund um mich.»

Schiessen ist Ablenkung pur. Wer sich nicht konzentrieren kann, trifft nicht. Schwingt keine Angst mit, bei all den Gewehren? All der Munition? Was, wenn einer durchdreht?

$Die Schützen halten Werte wie die Eigenverantwortung hoch. Das ist Tradition. «Warum passiert an Schützenfesten nur selten was? Obwohl nie mehr Waffen an einem Ort sind? Ohne ein riesiges Sicherheitsdispositiv aufzuzäumen, wie an Fussballspielen?», fragt der Präsident Werner Stauffer.

Wir fragen uns: Sind Nichtschützen die Einzigen, denen es in all dem Pulverdampf und Kanonenrauch mulmig zumute ist?