Minarett

Keine Lautsprecher am Minarett

Auf dem Minarett der Moschee im badischen Rheinfelden hingen plötzlich Lautsprecher, um den freitäglichen Gebetsruf des Muezzins zu verstärken. Dagegen protestierte ein Bürger, die Stadtverwaltung sah sich massiven Vorwürfen ausgesetzt. Ein gefundenes Fressen auch für die SVP.

Peter Rombach

Die «Badische Zeitung» in Rheinfelden hatte das Problem hochgekocht, «Basler Zeitung» und der «Tagi» sprangen gestern auf das Ross, knüpften Parallelen zur bevorstehenden Minarett-Abstimmung in der Schweiz und suggerierten, auf Islam-Vertreter sei kein Verlass. Nach AZ-Erkenntnissen nutzten SVP-Leute aus der Grenzregion das Minarett-Thema aus dem Badischen, um via Mails für ihre Kampagne zu werben. Doch was ging dem voraus?

Vor knapp vier Wochen wurden auf dem Minarett der Alperenler-Moschee, die am Rande des Gewerbegebiets Schafmatt steht, drei Lautsprecher mit 30 Watt Leistung installiert. «Ein Versuch», meint Bedri Karakilinc vom Vorstand der türkisch-islamischen Gemeinde. Dagegen steht ein 2002 mit der Stadt Rheinfelden abgeschlossener Vertrag, keine Lautsprecher für den Gebetsruf anzubringen, worauf dann die Genehmigung für die Errichtung eines Minaretts neben dem eigentlichen Gebetshaus erfolgte. Seinerzeit hatte es ohnehin intensive Diskussionen um den Bau einer Moschee gegeben, wobei der Gemeinderat mehrheitlich immer für Integration und Toleranz geworben hatte, folglich das Projekt ermöglichte.

Durch Zufall erfuhr man im badischen Rathaus von den Lautsprechern am Minarett. Dann kamen Steine ins Rollen. Bürgermeister Rolf Karrer (gestern übrigens für die AZ nicht erreichbar) meinte vor Tagen gegenüber der «Badischen Zeitung», es sei der türkisch-islamischen Gemeinde wohl darum gegangen, Grenzen auszutesten. Es gebe eine klare Vereinbarung, dass der Gebetsruf vom Minarett «nur mit der menschlichen Stimme und nicht mit elektrischer Verstärkung erfolgen darf».

In der badischen Nachbarstadt existiert auch ein christlich-islamischer Verein, der sich als Brückenbauer zwischen Muslimen und Leuten anderer Konfessionen sieht. Vorsitzender Werner Ross zur Lautsprecher-Attacke: «Ich bin enttäuscht und fast sprachlos.» Bislang sei er überzeugt gewesen, die islamische Gemeinde wolle nicht provozieren. Über den «Vertrauensbruch» müsse rasch diskutiert werden.

«Eindeutiger Vertrag mit der Stadt»

Hinter den Kulissen liefen in den vergangenen Tagen zahlreiche Gespräche, wobei insbesondere die evangelischen Pfarrer im badischen Rheinfelden ein «unaufgeregtes Miteinander» einforderten, so die «Badische Zeitung». Die türkisch-islamische Gemeinde bekannte schliesslich, es gebe einen «eindeutigen Vertrag» mit der Stadt Rheinfelden, woran man sich halten werde. Was geschehen ist: Der AZ-Augenschein ergab gestern Nachmittag, dass die Lautsprecher am Minarett verschwunden sind.

Daniel Vulliamy, SVP-Präsident des Bezirks Rheinfelden, findet die Moschee samt Minarett in der badischen Nachbarstadt für «in Ordnung». Kein Verständnis signalisierte er für eine Lautsprecheranlage am Minarett: «Die halbe Stadt beschallen geht wohl nicht, in unserem Kulturkreis läuten die Kirchenglocken.» Zur SVP-Minarett-Kampagne meinte Vulliamy, es sei der falsche Weg, Plakate zu verbieten. Die Provokation sei gelungen, letztlich müssten die Menschen überzeugt werden, das Wahlvolk entscheide.

Bei den AZ-Minarett-Recherchen kristallisierte sich übrigens heraus, dass selbst bei hohen Lautsprecherleistungen der Ruf des badischen Muezzins kaum in die Schweiz dringen kann, denn dazwischen liegt nach Wohnüberbauungen auch die Zone der chemischen Industrie.

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