Harmos

Keine Harmonie für Harmos

Contra und Pro:  Nadja Pieren, SVP, und Christian Waber, EDU, – beide kontra – sowie Moderatorin Jolanda Brunner, Käthi Wälchli, SVP, und Kathrin Zumstein, FDP, – beide pro – (von links).

Keine Harmonie für Harmos

Contra und Pro: Nadja Pieren, SVP, und Christian Waber, EDU, – beide kontra – sowie Moderatorin Jolanda Brunner, Käthi Wälchli, SVP, und Kathrin Zumstein, FDP, – beide pro – (von links).

Bringt Harmos eine bessere Schulbildung oder stört sie die individuelle Entwicklung des Kindes? Dieser Frage gingen die Teilnehmenden eines von der SVP Oberaargau organisierten Podiums in Lotzwil nach.

Irmgard Bayard

Hätten sich die Podiumszuhörer am Donnerstagabend entscheiden müssen, hätte Harmos keine Chance gehabt. Die Volksabstimmung findet aber erst am 27. September statt. Denn gegen die vom Grossen Rat genehmigte Harmonisierung der obligatorischen schule Schweiz (Harmos) wurde das Referendum ergriffen.

Hauptmerkmal von Harmos ist das elfjährige Schulobligatorium mit Eintrittsalter ab dem 5. Lebensjahr. «In diesem Alter sind die Kinder sehr verschieden und in ihrer Entwicklung weit auseinander», findet Nadja Pieren, SVP-Stadträtin von Burgdorf und Gegnerin von Harmos. Die Betreuerinnen seien überfordert, glaubt die Leiterin einer privaten Kindertagesstätte, «genau wie die Kinder selber auch». Eine Kinderkrippe könnte individueller auf die Kleinen eingehen, die beim Erreichen des 4. Lebensjahres oft noch nicht alleine auf die Toiletten gingen oder sich selbstständig anziehen könnten.

Die gleichen Chance geben

Das sieht Käthi Wälchli, SVP-
Grossrätin aus Obersteckholz, ganz anders. «Meine vier Töchter besuchten zwei Jahre den Kindergarten. Es hat ihnen weder geschadet, noch waren sie überfordert.» Im Gegenteil: «Mit dem frühen Eintritt haben alle Kinder die gleiche Chance.» Dies unterstrich auch Befürworterin Kathrin Zumstein, Juristin und FDP-Grossrätin aus Bützberg. «Bereits heute besuchen
86 Prozent der Kinder den zweijährigen Kindergarten auf freiwilliger Basis. Mit Harmos haben auch die restlichen 14 Prozent diese Möglichkeit». Auf den Hinweis, sie habe noch kein Kind gesehen, das beim Besuch des Kindergartens weine, erntete Zumstein aus dem Publikum jedoch Kopfschütteln.

Vehement gegen Harmos spricht sich Christian Waber, EDU-Nationalrat aus Wasen, aus. Dass 45 Gemeinden im Kanton den zweijährigen Kindergarten noch nicht anbieten können, findet er nicht ungerecht - im Gegenteil. «Die Kinder sind zuhause und in ihrem gewohnten Umfeld besser aufgehoben», sagte er und forderte «nicht ein globales System, sondern die Anpassung an die Familie und die Region.» Auch dem Einwand der beiden Befürworterinnen, jede Familie könne ein Gesuch stellen, um den Kindergarteneintritt um ein Jahr zu verschieben, glaubt Waber nicht. «Das ist lediglich eine Zusage und steht so nicht festgeschrieben. Und überhaupt», so Waber weiter, «wer entscheidet über die individuelle Entwicklung des Kindes?»

Eltern haben das letzte Wort

«Die Eltern haben ganz klar das letzte Wort», betonte Schulinspektorin Silvia Jäger, die Harmos im Eingangsreferat vorstellte. Und: «Wir wollen die Kinder den Eltern nicht wegnehmen. Es muss ein Zusammenspiel sein zwischen Eltern und Schule, ganz gleich, ob auf freiwilliger Basis oder mit einem Obligatorium.» Zudem, wiederholte Jäger, sehe die Umsetzung nicht nur den zweijährigen Kindergarten, sondern auch eine dreijährige Grundstufe oder eine vierjährige Basisstufe zur Auswahl vor. Zwar finden auch die Harmosgegner Positives - Waber zum Beispiel die einheitlich definierte Grundbildung und den Bildungsstandard -, für sie gibt es aber noch zu viele offene Fragen, «die alle in der Vereinbarung nicht schriftlich geregelt sind», wie es Waber ausdrückt. Ihm ist alles zu wissenschaftlich.

An dem von Jolanda Brunner, Präsidentin SVP Frauen Kanton Bern (Spiez) souverän geleiteten Podium wiesen die Befürworter auf die positiven Auswirkungen des Bildungsstandardes hin. Käthi Wälchli: «Mit Harmos haben am Ende der Schulzeit alle die selben Bedingungen, auch wenn sie aus anderen Kantonen eine zentrale Berufsschule besuchen.»

Hauptsache abstimmen

Das Schlusswort hatte Christian Hadorn, Präsident der SVP Oberaargau. «Wir sind früh dran mit dem Podium», gab er zu. «Aber so habt ihr genügen Zeit, euch vor dem Entscheid ein Bild zu machen.» Er outete sich auch gleich als «Überläufer», da er vom Pro- ins Kontralager wechselte. Bei der Konsultativabstimmung waren 15 der Anwesenden für Harmos, 24 dagegen und einige noch unentschieden.
«Ganz gleich, wofür ihr euch entscheidet. Hauptsache ist, ihr geht an die Urne», rief er die vorwiegend anwesenden Parteimitglieder auf.

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