Schneekanonen

Kein Skiplausch ohne sie: «Feuer frei!» für Frau Holles kleine Helfer

In den Bergen hat der Winter doch noch Einzug gehalten. Ohne Schneekanonen könnten wir aber auch dieses Wochenende gar nicht erst auf die Pisten. Über 15 000 stehen in der Schweizer Skigebieten.

Es ist das Dilemma der Wintersportler: Im nasskalten Flachland lässt es sich kaum noch unter der Hochnebeldecke aushalten.

In den Bergen aber liegt zu wenig Schnee, um Ski zu fahren. Dieses Jahr ist es besonders frappant: Der Herbst war viel zu warm. Noch in der vergangenen Woche war es nur hie und da kalt genug, um die Schneekanonen endlich anzuwerfen.

Fällt die Temperatur unter minus 3 Grad Celsius, versprühen die Schneekanonen ihren Eisnebel und produzieren grosse Schneehaufen. Pistenfahrzeuge können diese pünktlich aufs Wochenende hin zerstossen und so den Weg für uns Wintersportler ebnen.

Manche Kanonen werden auch dann in Betrieb sein, wenn wir die ersten Schwünge in die harten Pisten zeichnen. Wer erinnert sich nicht an das Brennen, das die messerscharfen Eiskörnchen auf unseren Wangen hinterlassen. Wer fürchtet nicht den Blindflug, der sich einstellt, wenn sich die Klümpchen auf der Skibrille festsetzen.

Künstliche Beschneiung

Künstliche Beschneiung

1000 Lanzen für Zermatt

Die Natur lässt sich nachhelfen. Bei ihrer Forschung über die gefährliche Eisbildung in Düsentriebwerken produzierten kanadische Forscher ungewollt Schnee. 1979 nahm der Bündner Skiort Savognin die weltweit erste Beschneiungsanlage in Betrieb. Vor allem seit der Jahrtausendwende erlebte die künstliche Beschneiung hierzulande eine rasante Entwicklung.

Gemäss Zahlen des Branchenverbands Seilbahnen Schweiz werden heute bereits über 92 km² oder über 40 Prozent der Pisten in den Schweizer Bergen künstlich beschneit. Tendenz steigend. Moderne Schneekanonen und -lanzen beschneien gemäss dem Hersteller Bächler eine Fläche von 6000 m². Das ergibt eine Zahl von 15 333 Schneekanonen und Schneelanzen in der Schweiz. Als Annäherungswert sicher nicht schlecht, stehen doch allein im Skigebiet Zermatt 1000 Schneelanzen.

Klima drückt Schneemengen

So fies einen die technisch hergestellten Schneekörner im Gesicht treffen, so hart ist die Kunstschneedecke, über die wir schrammen, wenn wir uns ungewollt hinlegen. Kunstschnee kennt keine Flocken. Ein Wasser-Druckluft-Gemisch gefriert nach dem Austritt durch die Düsen zu Eiskeimen. Diese werden mit Wasser besprüht, das von aussen nach innen gefriert. Kunstschnee ist viel dichter als Naturschnee, der in Form von Schneekristallen vom Himmel fällt.

Doch Kunstschnee hat seine positiven Seiten: Er schmilzt langsamer, die Piste bleibt länger befahrbar und ist auch dann noch schnell, wenn die Sonne sie aufsulzt. Wie ein Semifreddo, von dem wir allerdings nicht kosten sollten: Kunstschnee kann zahlreiche Bakterien enthalten. Das hat mit den Auffangbecken zu tun, aus denen das Wasser stammt. Nicht selten verenden Tiere in ihnen.

In Frankreich soll ein ganzes Dorf an Durchfall erkrankt sein, weil das Schmelzwasser in die Wasserversorgung gelangte und diese mit Kolibakterien verseuchte. «Iss keinen gelben Schnee» heisst das Prinzip, das jedem Kind geläufig ist. Es hat Erweiterungsbedarf.

Wer mit älteren Menschen in den Berggebieten spricht, der bekommt es immer wieder zu hören: Früher lag viel mehr Schnee. Nicht nur auf den Berggipfeln, sondern bis in die Täler.

Die Schneemengen zu messen, ist schwierig, da grosse regionale, aber auch saisonale Schwankungen auftreten. Das Schnee- und Lawinenforschungsinstitut (SLF) in Davos tut es trotzdem. Aus seinen Messreihen lässt sich schliessen, dass die Winter gegen die Jahrtausendwende deutlich schneeärmer waren als jene der Achtzigerjahre. Zwar lasse sich im letzten Jahrzehnt eine «leichte Erholung» feststellen, jedoch seien die Schneehöhen noch immer unterdurchschnittlich.

Blick Richtung Weisshorn mit stillstehendem Bügellift

Das «schneesichere» Arosa am 4. Dezember – da war noch nicht an Skifahren zu denken

Blick Richtung Weisshorn mit stillstehendem Bügellift

Während heute vor allem im Flachland und in Gebieten unterhalb von 1300 Metern weniger Schnee gemessen wird, erkennt das SLF vor allem einen Trend hin zu schneearmen Frühwintern in mittleren Lagen.

Kommt jedoch der Schnee zu spät, so klafft in den Kassen der Skigebiete schon zu Saisonbeginn ein grosses Loch. Der Skiindustrie vermiesen ein warmer Herbst und später Schnee das wichtige Weihnachtsgeschäft. Touristiker betonen, dass gerade die Zeit über Weihnachten und Neujahr bis zu 25 Prozent des Jahresumsatzes von Skidestinationen ausmachen. Fehlt im Dezember der Schnee, dann kommen die Gäste gar nicht erst.

Der Rückstand lässt sich über den Winter kaum wettmachen. Paradox: Im März, wenn in den Bergen meist perfekte Wintersportbedingungen herrschen, gehen kaum mehr Leute hin. Frappant: Über die Schweiz gesehen, stammen 80 Prozent aller Einnahmen der Bergdestinationen aus dem Winterbetrieb.

Der Winter aber beschert nicht nur hohe Einnahmen, sondern auch die grösseren Ausgaben. Denn der Winterbetrieb ist teuer. Der Gast erwarte gut präparierte Pisten, sonst bleibe er weg, betont der Branchenverband Seilbahnen Schweiz. Ein paar Zahlen: Für die Pistenpräparation mit Kunstschnee auf einem Kilometer rechnet die Branche mit Kosten zwischen 50 000 und 70 000 Franken auf die ganze Wintersaison, die im Durchschnitt 110 Tage dauert. Ein Snowpark mit Schanzen und Halfpipe kostet 100 000 bis 400 000 Franken. Ein Kilometer Beschneiungsanlage verlangt Investitionen von insgesamt einer Million Franken.

Die Strassenlampen der Berge

Im Frühling sind die Kanonen längst weg, ihr Schnee aber liegt noch lange da. Wie lieben Skifahrer und Snowboarder das Gefühl, in der Frühlingssonne einem weissen Schneeband folgend durch Wiesen talwärts zu fahren! Dann, wenn auch die letzten Kunstschneeflecken weg sind, düngt das Schmelzwasser die planierten Böden. Denn Kunstschnee enthält nicht nur mehr Bakterien, sondern auch mehr Nährstoffe als Naturschnee. So wachsen auf den planierten Böden plötzlich Pflanzen, die man auf alpinen Magerwiesen vergeblich sucht.

Eine Studie des Bundesamts für Energie nennt einen Stromverbrauch von rund 60 Millionen Kilowattstunden pro Saison. Das entspricht dem Bedarf von 11 000 Haushalten. Neuere Generationen von Schneelanzen kommen ganz ohne Strom aus. Doch fällt vor allem der Stromverbrauch ins Gewicht, um das Wasser überhaupt zu den Pisten zu pumpen. Immens ist auch der Wasserverbrauch von gut 18 Millionen Kubikmeter. Das entspricht dem Bedarf von 140 000 Haushalten. Problematisch sind vor allem kritische Restwassermengen in Bächen.

Problematischer als Strom- und Wasserverbrauch sind jedoch die häufigen Planierungen der Berglandschaft, die im Zusammenhang mit Beschneiungsanlagen stehen. Kritiker mokieren sich über die zu «Autobahnen» präparierten Pisten. Tatsächlich wurden die Pisten immer breiter und immer ebener. Längst ist ein weiteres Merkmal hinzugekommen: Wie Strassenlampen flankieren Schneelanzen heute die Pisten. Mancherorts werden sie im Sommerhalbjahr gar nicht erst abmontiert.

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