Die Judenempanzipazion ist ein besonderes und nicht widerspruchsfreies Kapitel in der Aargauer Geschichte. Auf Aargauer Boden - in den Surbtaler Gemeinden Lengnau und Endingen - bekamen die Juden früher und länger als in andern Gegenden der Schweiz einen mehr oder weniger geschützten Rückzugsort; aber ausgerechnet in diesem Kanton mussten sie am längsten warten, bis sie von minder- zu gleichberechtigten Einwohnern wurden. In dem jahrzehntelangen Prozess gab es heute vor 200 Jahren eine Zäsur. Dabei verschärfte das vom Kleinen Rat, der Kantonsregierung, am 5. Mai 1809 erlassene Gesetz die Einschränkungen für Juden aufs Neue.

Das Juden-Gesetz

Dem kantonalen Gesetzeserlass gingen zwei gegenläufige Entwicklungen voraus. Die helvetische Verfassung hatte den Juden 1798 die Kultusfreiheit zugestanden und sie von Leibzoll und Kopfsteuer befreit. Allerdings drangen die Surbtaler Juden mit der Bitte um Gleichberechtigung nicht durch. Sie wurden weiter als niedergelassene Fremde ohne Bürgerrechte behandelt. Gleichwohl betrachtete man sie als Profiteure der Helvetik. Es kam deswegen 1802 in Endingen und Lengnau zu Plünderungen. Die Mediationsakte für den 1803 neu geschaffenen Kanton Aargau auferlegten den Juden erneute Einschränkungen.

Das Juden-Gesetz von 1809 verbot es ihnen zudem, ausserhalb von Endingen und Lengnau Häuser und Grundstücke zu kaufen und sich «haushablich niederzulassen». Auch solle kein Jude befugt sein, ohne die jeweilige besondere Bewilligung des Kleinen Rates von Christen in diesen Gemeinden ein Wohnhaus zu kaufen. Hingegen war der Bau neuer Wohnungen Juden wie Christen erlaubt. Gelangten Juden aber aus Konkurs- oder Pfandgründen in den Besitz von Liegenschaften, mussten sie die Güter innerhalb eines Jahres weiter verkaufen. Ausnahmen konnte der Kleine Rat auf Gesuch hin bewilligen, «wenn sich ein jüdischer Besitzer durch sittliches Benehmen und Geschäftsfleiss auszeichnet».

Heirats-Erlaubnis

Jede Anleihe eines Juden an einen Christen war ungültig, wenn der Gläubiger das Geld nicht in bar und im Beisein des Friedensrichters und eines Verwandten des Schuldners ausbezahlte. Die gleiche Formalität galt bei Tausch oder Handel mit Juden. Das Misstrauen war allgegenwärtig, dass Christen über den Tisch gezogen würden. Zivilrechtliche Schranken wurden mit dem Gesetz vom 5. Mai 1809 auch für jüdische Ehen errichtet: «Es darf sich kein Jude von Endingen und Lengnau bei Verlust seines Aufenthaltsrechts ohne die Erlaubnis des Kleinen Rates verheiraten, und um die Bewilligung zu erlangen, muss ein gutachtliches Zeugnis eingereicht werden».

Gleichwertige bürgerliche Rechte hatten die Surbtaler Juden noch jahrzehntelang nicht. Zwar wurden ihnen 1824 lokale Körperschaften mit eigenen Vorsteherschaften zugestanden. Erst 1856 stellte ein Bundesbeschluss die Gleichheit bezüglich Kauf und Verkauf vor Gericht sowie im Stimm- und Wahlrecht auf eidgenössischer und kantonaler Ebene her. Doch der Aargau tat sich mit dessen Vollzug schwer. Es gab mehrfache Konflikte - sogar eine Volkserhebung -, und der Kanton musste von den Bundesbehörden 1877 förmlich angewiesen werden, der jüdischen Minderheit endlich die volle rechtliche Gleichstellung zu gewähren.