Umweltschutz
Kein Boom von Ökoautos in Sicht - trotz verschärften Vorschriften

Die «Verordnung über die Verminderung der CO2-Emissionen von Personenwagen» hat per 1.Juli 2012 zum ersten Mal konkrete Auswirkungen: Ab sofort dürfen die Neuwagen eines Herstellers im Durchschnitt nur noch 130 g CO2 pro Kilometer ausstossen.

Peter Ruch
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Im März 2011 hatte das Parlament neue Vorschriften zur CO2-Emission von neu in den Verkehr gesetzten Personenwagen zu erlassen. Die «Verordnung über die Verminderung der CO2-Emissionen von Personenwagen» wurde per 16.Dezember 2011 gültig und hat per 1.Juli 2012 zum ersten Mal konkrete Auswirkungen: Ab sofort dürfen die Neuwagen eines Herstellers im Durchschnitt der gesamten Fahrzeugflotte nur noch 130 g CO2 pro Kilometer ausstossen.

Sanktionen für Importeure

Das wäre eigentlich eine klare Aussage, doch jetzt wird es erst richtig kompliziert: Diese 130 Gramm sind ein Zielwert bis 2015, doch sie müssen bereits jetzt erfüllt werden, sonst unterliegen die Importeure Sanktionen. Pro Gramm, das die Flotte über dem Zielwert liegt, müssen dem Staat 140 Franken entrichtet werden – keine Busse, wie es aus Bern heisst, sondern eine Lenkungsabgabe. Hinzu kommen noch weitere Ausnahmen.

Dass die individuelle Mobilität ihren Anteil an den CO2-Emissionen trägt, steht ausser Frage. Auch dass diese CO2-Emissionen eingeschränkt werden müssen, ist klar. Dass die Schweiz wieder einmal einen Alleingang wagt und strengere Vorschriften als die EU erlässt, mag zwar verwundern, doch auch das ist nichts Neues.

Dass das Parlament allerdings so wenig auf die speziellen Gegebenheiten des Schweizer Automarktes (und auch die Topografie des Landes) Rücksicht genommen hat, ist eher erstaunlich. Doch dafür müssen sich die Schweizer Importeure auch selber an der Nase nehmen, anscheinend liefen weder das Lobbying noch der Informationsfluss in die gewünschte Richtung. Im vergangenen Jahr lag der durchschnittliche CO2-Ausstoss der in der Schweiz neu zugelassenen Personenwagen bei 155 g/km. Das entspricht einem durchschnittlichen Verbrauch von 6,39 Liter Treibstoff pro 100 Kilometer. Erfreulich sind die Verbesserungen: 2010 wurden im Schnitt noch 161 g CO2/km ausgestossen. Pro 1000 Kilogramm Fahrzeuggewicht ging der Verbrauch in den vergangenen 15 Jahren von 6,84 l/100 km auf 4,31 l/100 km zurück – allein daran sieht man, wie fortschrittlich die Automobil-Industrie auch ohne «Lenkungsabgaben» agiert.

Viele Schlupflöcher

Trotzdem, die 130 Gramm stellen für die wenigsten Importeure wirklich eine Schwierigkeit dar, zumal es möglich ist, so genannte «Pools» zu bilden. Ein Grossimporteur wie die Amag in Schinznach-Bad, der die Marken Audi, Seat, Skoa und VW vertritt, kann sämtliche Produkte unter ein Dach nehmen – und somit ist eine Marke wie Audi, welche die 130 Gramm nicht schaffen würde, bereits wieder aus dem Schneider.

Morten Hannesbo, CEO der Amag, erklärt das so: «Die Rechnung ist eigentlich einfach: Zusammengezählt muss 2015 die Summe aller unserer Modelle im Schnitt unter 130g CO2/km liegen, Ende 2012 müssen es 65% davon sein.» Auch Marken wie Maserati, bei denen kein einziges Angebot weniger als 300 g CO2/km ausstösst, haben nichts zu befürchten, die Italiener gelten als Kleinimporteur und sind vorerst von sämtlichen Sanktionen ausgenommen.

Für die Autokäufer hat diese neue CO2-Verordnung vorerst keinerlei Auswirkungen. Die «Lenkungsabgabe» müsste sowieso der Importeur bezahlen, und es dürfte ihm auch in den nächsten Jahren, wenn die Vorschriften stufenweise verschärft werden, schwer fallen, diese auf seine Kunden abzuwälzen. Zwar rechnet der Bund mit Mehreinnahmen von 70 bis 120 Millionen Franken für die Jahre 2012 bis 2015 allein durch die Sanktionen, doch es ist wahrscheinlicher, dass die Importeure fähig sein werden, untereinander «Päckli» abzuschliessen. Interessant wird es erst dann, wenn die Anforderungen stufenweise angepasst werden: Wird die Zielvorgabe erreicht, muss ein Jahr später noch mehr CO2 eingespart werden. Die Sparziele werden für jede Marke einzeln neu definiert.

Es wird nach Einschätzungen der Industrie mindestens zwei Jahre dauern, bis die neuen Vorschriften auch wirklich Auswirkungen auf das Angebot haben. Herr und Frau Schweizer haben bisher gerne nicht nur die teuerste, sondern vor allem auch die stärkste Ausführung eines Fahrzeug-Modells gekauft. Das könnte sich mittelfristig ändern, weil diese Varianten gar nicht mehr im Angebot stehen; der Trend hin zu kleineren, und vor allem effizienteren Motoren ist klar absehbar. Auch die gesamte Elektrifizierung (Hybrid, Plug-in-Hybrid, Elektroautos) wird auf jeden Fall zunehmen. Philipp Rhomberg, Geschäftsführer von Toyota in der Schweiz: «Wir erwarten bis 2015 einen Anteil der Hybrid-Modelle an unseren Verkaufszahlen von 25 Prozent.»

Sportliche Modelle bleiben

Doch dass es in Zukunft nur noch «Sparbüchsen» geben wird auf unseren Strassen, das ist mehr als unwahrscheinlich. Morten Hannesbo von der Amag: «Am Ende entscheidet das Kaufverhalten der Kunden, ob wir die Vorgaben einhalten können.» Wie genau die Importeure allerdings mit den besonders sportlichen Modellen umgehen wollen, das wissen sie selber auch noch nicht mit Bestimmtheit; Ferrari darf bei Fiat unterschlüpfen und hat folglich auch kein Problem.

Richtig hart wird es für die in der Schweiz seit Beginn der Wirtschaftskrise sehr erfolgreich arbeitenden Direktimporteure, die bei ihren Angeboten bisher von der Euro-Schwäche profitieren konnten, nun aber wohl keine Kooperationen bilden können. Vor allem der Grau-Import von grossen, starken Automobilen wird wohl einbrechen. Ob das im Sinne der Kundschaft ist, ist eine ganz andere Frage.

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