Wer auch immer heute die Wahl für sich entscheidet, historisch ist sie so oder so: Erstmals in ihrer 110-jährigen Geschichte wird eine Frau die Schweizer Jungsozialisten (Juso) leiten. Und damit jener Jungpartei vorstehen, die als einzige fähig ist, im Alleingang Volksinitiativen und Referenden zu stemmen – man erinnere sich an die 1:12- oder die Spekulationsstopp-Initiative oder denke an die Abstimmung über das Nachrichtendienstgesetz vom kommenden September (siehe auch Text unten).

Auch wenn die Juso an der Urne in aller Regel am Schluss verlieren: Weder den Jungfreisinnigen noch dem Nachwuchs von CVP oder SVP gelingt es, so oft eigene Themen auf die politische Agenda zu hieven.

Mit dem heutigen Aargauer SP-Nationalrat Cédric Wermuth, dem Luzerner David Roth und dem heute abtretenden Zürcher Fabian Molina standen der Juso zuletzt Provokateure vor, die sich – Hauptsache Aufmerksamkeit! –für nahezu nichts zu schade waren. Geht es im gleichen Stil weiter? Oder ticken die beiden Kandidatinnen für die Molina-Nachfolge, die 26-jährige Bernerin Tamara Funiciello und die 22-jährige Baselbieterin Samira Marti, anders?

«Stachel im Arsch der SP»

Zunächst: Politisch unterscheiden sich die jungen Frauen kaum. Beide wollen den von ihren Vorgängern eingeschlagenen Kurs, Verteilungsungerechtigkeiten anzuprangern und auf die Überwindung des Kapitalismus hinzuarbeiten, fortsetzen. «Nicht Menschen mit anderen Passfarben sind schuld an tiefen Löhnen, sondern die Chefs», tönt das dann bei
Funiciello. Als Präsidentin werde sie nicht müde werden, das «neoliberale, zutiefst ungerechte System anzugreifen».

Und Marti sagt: «Es geht nicht um ein Duell zwischen Schweizern und Ausländern, sondern um eines zwischen Arm und Reich. Wir müssen einen grundsätzlichen Wandel anstreben: weg von der Steueroase Schweiz, die auf Kosten anderer profitiert, hin zu einer gerechten Welt.» Ähnlich klingt auch der Rat der jungen Frauen an die SP (in deren Präsidium die Juso--Chefin automatisch Einsitz hat): Beide warnen davor, mit den bürgerlichen Parteien nach rechts zu rücken, um in der Mitte möglichst viele Wähler zu gewinnen. Stattdessen propagieren sie einen «dezidierten Linkskurs». Ist es also Hans was Heiri, ob Funiciello oder Marti die Parteispitze erklimmen?

Nein. Trotz inhaltlicher Gemeinsamkeiten nämlich stehen die Juso heute vor einer Richtungswahl: Sie entscheiden über nichts weniger als ihren zukünftigen Stil. Funiciello steht in der Tradition ihrer Vorgänger: Wie Wermuth, Roth und Molina fühlt sie sich am wohlsten, wenn es knallt. «Die Juso muss aktivistischer werden und zurück auf die Strasse», sagt die Geschichtsstudentin und Unia-Gewerkschaftssekretärin, die zuletzt die Einführung einer 25-Stunden-Arbeitswoche forderte.

Und: «Die Juso muss der Stachel im Arsch der Mutterpartei sein.» Mit dieser sucht sie immer wieder die Auseinandersetzung. So verlangte sie vor ein paar Monaten einen Maulkorb für SP-Exekutivpolitiker, die zu einem Thema eine andere Meinung vertreten als die Parteibasis.

Berns Stadtpräsident Alex Tschäppät hat das zwar nicht gefallen. Hinter Funiciello aber steht der SP-Nationalrat trotzdem vorbehaltlos. «Es ist das Vorrecht der Jungen, nicht nur Realpolitik zu betreiben, sondern auch mal zu träumen», sagt er. «Vernünftige haben wir in der SP genug.»

Starker marxistischer Flügel

Marti ist ruhiger, überlegter in ihren Aussagen. «Wirksame Politik beginnt immer mit einer ehrlichen Analyse», sagt die Baselbieterin, die soeben ihr Bachelorstudium in Wirtschaft und
Soziologie abgeschlossen hat. «Wir sollten nicht länger radikale Forderungen aufstellen, bloss um aufzufallen, sondern müssen sie politisch begründen.» Nicht weniger als 32 A4-Seiten umfasst ihr dreisprachiges Positionspapier zur Zukunft der Juso.

«Sie ist blitz-gescheit und verfügt über eine schnelle Auffassungsgabe», sagt Nationalrat Eric Nussbaumer. Und wer steigt denn nun heute als Favoritin ins Rennen? Da sind sich selbst Juso-Insider uneinig. Als wahrscheinlichstes Szenario gilt, dass der starke marxistische Parteiflügel Funiciello zu einem hauchdünnen Sieg verhilft. Wie sagt doch ein bekanntes
Juso-Mitglied: «Der Kopf spricht für Marti. Aber auch in der Juso