Elisabeth Seifert

«Nein, Nicolas Blancho ist kein radikaler Muslim», sagt Yusuf Gürbüz, ein Mitglied der Moschee in Aarburg, der viele türkische Muslime aus dem Raum Olten angehören. Das, nachdem der Auftritt des Präsidenten des Islamischen Zentralrats der Schweiz (IZRS) am Schweizer Fernsehen in der Sendung «Arena» unter Politikern aller Couleur für rote Köpfe gesorgt hatte. Der Konvertit Blancho verhalte sich vielmehr wie ein Kleinkind, das gerade etwas Neues gelernt hat und dieses jetzt der ganzen Welt zeigen möchte. «Er hat nichts Falsches gesagt», meint Gürbüz, der die Diskussion am Fernsehen verfolgt hat. Blancho habe es aber nicht geschafft, die für Nichtmuslime häufig schwierig zu verstehenden Lehren zu erklären.

Das treffe auch auf die Steinigung zu. «Der Koran bildet eine Einheit, und man kann nicht einfach etwas weglassen, wenn es einem nicht gefällt», ist der türkische Muslim überzeugt. Es sei aber sehr schwer, eine solch schwere Strafe überhaupt auszusprechen. Der Koran regle sehr genau, unter welchen Bedingungen dies möglich wäre. Wer zudem jemanden fälschlicherweise verurteile, werde die gleiche Strafe erleiden. In demokratisch verfassten Staaten sei eine solche Strafe natürlich undenkbar. «Wir fühlen uns der Schweizer Rechtsordnung verpflichtet», betont Gürbüz. Auch Blancho habe im Übrigen unterstrichen, dass für ihn die Schweizer Gesetze bindend seien.

«Eine Religion des Friedens»

Für Ekrem Raqipi, Gründer und Sekretär der albanisch-islamischen Glaubensgemeinschaft in Langendorf, steht ebenfalls ausser Frage, dass Muslime die hiesige Rechtsordnung akzeptieren und sich anpassen. «Die Schweiz ist meine zweite Heimat geworden, wir leben und sterben hier», bringt er seine Zughörigkeit zur Schweiz zum Ausdruck. Wie Nicolas Blancho hätte aber auch er den Satz «Ich verurteile die Steinigung» nicht aussprechen können. Und: Auch für ihn ist die Steinigung ein Wert seiner Religion. Die Steinigung, die im Koran einzig als Strafe für «Prostitution» vorgesehen sei, könne aber nur die «letzte Lösung» sein. Zunächst müssten mildere Strafen zur Anwendung kommen.

«Der Islam ist eine Religion des Friedens und nicht der Gewalt», unterstreicht Raqipi. Ein Grundsatz, der für sein Leben grosse Bedeutung habe, laute zum Beispiel: «Wünsche Deinem Mitmenschen das, das Du auch für Dich wünschst.» Und zu den fünf Säulen des Islam, die für alle Muslime bindend seien, gehöre etwa die Fürsorge für Bedürftige.

«Die Steinigung steht im Koran drin, und das akzeptieren wir», meint Basri Veseli, ein junges Mitglied der Führungsriege der albanisch-islamischen Moschee in Grenchen. Denn: «Wenn wir Lehren, die im Koran verankert sind, nicht akzeptieren, dann sind wir keine guten Moslems.» Die Steinigung müsse allerdings, obwohl ein Bestandteil des islamischen Rechts, nicht zur Anwendung kommen. Und: «Wir leben hier in der Schweiz, einem Land, das eine völlig andere Rechtsordnung kennt, das anerkennen wir selbstverständlich.»

«Blancho wird an den Pranger gestellt»

Angesprochen auf Nicolas Blancho und den Islamtischen Zentralrat der Schweiz, ärgert sich Hihmet Dagci, ein Mitglied der türkischen Fatih-Moschee in Solothurn, in erster Linie über die Medien. «Nach dem deutschen Hassprediger Pierre Vogel braucht es jetzt eine andere Figur, die von den Medien bewusst an den Pranger gestellt wird.» Nicolas Blancho werde instrumentalisiert, um Vorurteile gegenüber Muslimen zu schüren, meint Dagci. Das aber sei der Verständigung zwischen den Religionen alles andere als zuträglich. Dacgi hat Blancho bisher einmal live erlebt, und zwar im letzten Herbst an einer Veranstaltung im Vorfeld der Abstimmung über die Minarett-Initiative: «Er ist mir dort nicht radikal erschienen, er hat auch inhaltlich nichts Fremdes gesagt.» Im Gegenteil: «Seine Äusserungen waren recht demokratisch und zeitgemäss.»

Eine gewisse Provokation stelle für Nichtmuslime, so Dagci, offenbar der Auftritt von Blancho mit Bart und traditioneller Kleidung dar. «Orthodoxe Juden fallen mit ihrem Äusseren und ihren Ritualen aber mindestens so stark auf.» Während Muslime deswegen kritisiert werden, würde es kein Politiker wagen, gegen orthodoxe Juden vorzugehen.

Nicht einig geht Hihmet Dagci mit Nicolas Blancho, wenn dieser die Steinigung als Wert seiner Religion bzw. des Islam bezeichnet. «Wir kennen im Islam die Steinigung nicht», hält Dagci in Rücksprache mit dem Imam der Fatih-Moschee fest - und widerspricht damit anderen Vertretern seiner Religion. Und: «Ich verurteile jegliche Gewaltausübung gegenüber einem Lebewesen.» Weiter bezeichnet es Dagci als «etwas unglücklich», wenn Blancho gegenüber der Öffentlichkeit auf Konfrontationskurs geht, indem er zum Beispiel islamische Schulen gründen will. «Es bringt nichts, jetzt solche Forderungen zu stellen.» Damit rufe man nur die SVP auf den Plan.

Die Freiheit, anders zu denken

Deutlich distanziert sich von Nicolas Blancho ein Mitglied der albanischen Moschee in Trimbach, das nicht genannt werden will. «Blancho machte einen schlechten Eindruck», sagt der Kosovare, der sich die Sendung «Arena» nachträglich auf dem Internet angeschaut hat. «Es ist schade, dass jemand, der konvertiert hat, so extrem wird.» Und: «Der Islam heisst Extremismus nicht gut.» Wenn Blancho im Namen des Islam politisiere, führe das nur zu «Hass zwischen den Religionen und den Menschen». «Wir müssen aber Wege finden, damit Christen, Juden und Muslime miteinander reden und zusammenarbeiten können.»

«Jeder Mensch muss selber entscheiden, welche Religion für ihn die richtige ist», offenbart der Kosovare eine bemerkenswert liberale Weltsicht. Und: Er nimmt sich selber die Freiheit, anders zu denken, als es vielleicht von ihm erwartet wird: «Es mag sein, dass die Steinigung ein Bestandteil des islamischen Rechts ist, ich kann mich damit aber dennoch nicht einverstanden erklären.»

Stellungnahme verweigert

Mehrere Moscheen waren nicht bereit, sich an der Umfrage dieser Zeitung zu beteiligen. «Wir haben bis jetzt immer offen Auskunft gegeben, aber der Ausgang der Minarett-Initiative war ein Schlag ins Gesicht», sagte Muharrem Eren als Vertreter der türkischen Moschee in Bellach. Ohne eine Begründung anzugeben, will sich auch die Moschee in Wangen bei Olten nicht zum Auftritt von Nicolas Blancho äussern. Ebenfalls «keinen Kommentar zu diesem Thema abgeben» möchten die offiziellen Vertreter der Solothurner Fatih-Moschee. Die Aussagen von Hihmet Dagci seien «seine eigene Meinung und nicht die der Fatih-Moschee», heisst es in einer Mitteilung.