Prostitution
Käuflicher Sex war früher geduldet, um Schlimmeres zu verhindern

Toleranz gegenüber Dirnen und das Bordell als Hygieneanstalt – Prostitution ist ein Teil abendländischer Kultur, Bordelle aber nicht. Eine kleine Kulturgeschichte des käuflichen Sex anhand eines Zürcher Falles.

Daniel Fuchs
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Prostituierte am Sihlquai an. (Archiv)

Prostituierte am Sihlquai an. (Archiv)

Keystone

Es ist keines der 13 von der Stadt Zürich anerkannten Bordelle, an dessen Tür Polizeisoldat Bodmer an einem Mai-Nachmittag 1893 klopft. In seiner Hand ein Hausdurchsuchungsbefehl, den er Hermann Frick unter die Nase hält. Ehe Frick reagieren kann, hat Bodmer sie bereits entdeckt: drei «nur halb gekleidete Dirnen» sowie neun Visitenkarten ausländischer Bordelle und Briefe von Bordellinhabern in halb Europa verstreut. Frick wird abgeführt und der gewerbsmässigen Kuppelei beschuldigt, er soll also vorsätzlich Unzucht gefördert haben.

Später, auf dem Posten, mimt Frick den Nichtsahnenden: «Was die Frauenzimmer betrifft, geht mich das nichts an. Vielleicht weiss meine Frau Bescheid», ist aus dem Protokoll zu entnehmen. Der Polizei aber ist das Paar bekannt, sitzt Luise Frick doch zur selben Zeit bereits wegen Kuppelei im Gefängnis und hat Frick zu einem früheren Zeitpunkt selber wegen desselben Vergehens eine Haftstrafe absitzen müssen.

Die überschüssige Manneskraft

Der Fall Frick ist im Buch «Wertes Fräulein, was kosten Sie?» ausführlich geschildert. Wie die Geschichte ausgeht? Nicht nur die Prostituierten, auch die Korrespondenz mit anderen Kupplerinnen und Kupplern wurde dem Paar vor Gericht zur Hypothek: Im grossen Stil hatten Fricks europaweit mit Frauen gehandelt. Was in Zürich des sich zu Ende neigenden 19. Jahrhunderts für eine Verurteilung zu mehrmonatigen Haftstrafen reichte, würde heute eine fette Schlagzeile hergeben: «Europaweiter Menschenhändler-Ring zerschlagen» etwa.

Ob toleriert, erlaubt oder verboten – Prostitution ist seit der Antike Teil der abendländischen Kultur. Bordelle aber gehörten nicht zwingend dazu. Zur Zeit des oben geschilderten Falls aber galt in der Schweiz das aus Frankreich stammende Konzept, wonach Bordelle geradezu eine Notwendigkeit waren. Die Begründung dazu hatten die sogenannten Hygieniker geliefert. Einer von ihnen, Alexandre Parent-Duchâtelet, nannte Bordelle – in einer Analogie zu den überall entstandenen Kanalisationen – spermatische Kanalisationsanlagen. Die Vorstellung dahinter unterlag einer gesellschaftlichen Doppelmoral und einer Privilegierung des männlichen Sextriebs: Es ging um das hehre Ideal eines gesunden Körpers, das bereits seit Mitte des 18. Jahrhunderts Fuss gefasst hatte. Ebenso wie die Körperpflege gehörte ein gesunder Geschlechtstrieb dazu, der regelmässig befriedigt werden musste. Dem Mann mit seinem hohen Sextrieb wurde es gestattet, diesen an einer Prostituierten zu befriedigen, wenn die Ehefrau dazu nicht in der Lage war.

Prostitution als toleriertes Übel – immer noch besser, als dem schlimmen Laster der Selbstbefriedigung zu verfallen oder sich gar an den eigenen Töchtern zu vergreifen, so die gängige Vorstellung damals. Zu einer Zeit, in der Geschlechtskrankheiten sich ausbreiteten, hatten die Bordelle eine praktische Bedeutung. Dirnen waren dort unter der Aufsicht von Ärzten, die sie zwangsuntersuchten.

Der hohe Preis der Frauen

Den Preis bezahlten die Frauen gleich mehrfach: Zwar wurden Prostituierte in den Bordellen medizinisch versorgt und waren besser vor Übergriffen geschützt als Strassendirnen, dafür verloren sie ihre persönliche Freiheit. «Sie wurden durch ein dichtes Netz der Überwachung durch Polizei, Ärzte und Bordellhalter zu Instrumenten einer hygienischen Anlage degradiert», schreibt der Historiker und Herausgeber der Ausstellungsschrift von 2004, Philipp Sarasin. Doch auch die Ehefrauen der Freier bezahlten teuer: Ihre Begehren blieben weitgehend von der Gesellschaft ausgeschlossen.

Nur wenige Jahre nach der Verurteilung des Ehepaars Fricks mussten in Zürich alle Bordelle schliessen. Bis in die Zwischenkriegszeit wurde das System der tolerierten Prostitution überall in der Schweiz aufgehoben; das durch die sogenannte Sittlichkeitsbewegung herbeigeführte streng ausgelegte Kuppeleiverbot tolerierte Bordelle nicht. Doch verschwand Prostitution damit keineswegs, sondern fristete bis in die 1960er-Jahre ein Schattendasein, auf dem Strassenstrich oder in Bars etwa. Erst mit dem Aufkommen von Aids in den Achtzigern und der Revision des Sexualstrafrechts 1992 wurde Kuppelei entkriminalisiert.

Bis dahin ist aus der Kupplerin zwar längst die Puffmutter geworden, doch sorgen hygienische Gründe bis heute für die Tolerierung von Prostitution. Mit dem Unterschied, dass heute nicht mehr die zu kanalisierende, überschüssige Manneskraft, sondern die körperliche Verfassung der Prostituierten im Zentrum steht, der es in der Illegalität auch nicht besser geht.

Wertes Fräulein, was kosten Sie? Prostitution in Zürich 1875–1925. hier + jetzt, Baden. 2004.