Wenn am Mittwochnachmittag in der Schweiz die Sirenen zum jährlichen Test heulen, ist dieser Warnruf nicht für alle hörbar. Personen, die unter einem eingeschränkten Hörvermögen leiden, sind mit dem jetzigen System weniger gut vor Katastrophen geschützt.

"Hier steht das Leben von Gehörlosen auf dem Spiel", kritisiert Martina Raschle, Mediensprecherin des Schweizerischen Gehörlosenbundes. Der Bund sei insbesondere durch die Uno-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen verpflichtet, die Alarmierung im Katastrophenfall auch für Einwohner mit Behinderung sicherzustellen.

"Seit Jahren kritisieren wir den Bund dafür – geändert hat sich jedoch gar nichts." In vier Schweizer Städten gehen deshalb gehörlose Menschen heute während des Sirenentests auf die Strasse, um den Druck auf den Bund zu erhöhen und insbesondere auch die hörende Gesellschaft auf die Problematik aufmerksam zu machen.

Katastrophenwarnung auf Handy

Den Vorwurf, dass Gehörlose vom jetzigen Warnsystem diskriminiert werden, müsse das Bundesamt für Bevölkerungsschutz so akzeptieren, sagt deren Kommunikationsleiter Kurt Münger auf Anfrage. Zurzeit werde im Katastrophenfall an Angehörige appelliert, die die gehörlose Gemeinde informieren.

Seit drei Jahren arbeitet der Bund eng mit den kantonalen Partnern zusammen, um einen neuen Verbreitungskanal auf den Markt zu bringen. Die Realisierung ist gemäss Münger jedoch sehr aufwändig – nicht nur auf technischer, sondern auch auf organisatorischer und finanzieller Ebene. Das Konzept sieht einen Dienst in Form einer App - der "Alertswiss"-App - vor, die Alarmierungen und weitere Katastrophenmeldungen mittels einer Push-Benachrichtigung direkt auf das Mobiltelefon sendet.

App soll 2018 auf Markt kommen

Allerdings sei das Recht von gehörlosen Menschen auf vollen und gleichberechtigten Zugang erst dann erreicht, wenn sie in Notfallsituationen automatisch alarmiert würden - ohne selber aktiv werden zu müssen, kritisiert Raschle. Eine Möglichkeit sieht sie in der Einführung eines Cell Broadcasts – einem Mobilfunkdienst zum Versenden von Kurzmitteilungen. Anders als bei einer SMS-Nachricht, die sich nur an bestimmte Empfänger richtet, könnte die CB-Nachricht automatisch an alle versendet werden, die über denselben Sendemast Empfang haben.

Diese Lösung ist für die Schweiz und andere europäische Länder allerdings nicht zielführend, erklärt Münger. "Wir haben dies bereits mit wissenschaftlichen Experten und Spezialisten der Telekommunikationsbranche geprüft." Das Problem bei den jetzigen Smartphones bestehe darin, dass sie nicht für einen solchen Empfang konfiguriert seien. "Die Handys müssten zuerst richtig eingestellt werden – was aufwändiger ist als eine App herunterzuladen."

Die Notfall-App soll 2018 auf den Markt kommen. Ausserdem sollen die Informationen auch Online auf "Alertswiss" aufgeschaltet werden.