Bergsturz in Bondo
Katastrophe mit Ankündigung – Bewohner sind froh um massive Sicherheitsbauten

Nach dem verheerenden Bergsturz im Bündner Bergell sind die Bewohner des abgelegenen Val Bregaglia froh um die erst sechs Jahre alten massiven Sicherheitsbauten.

Fadrina Hofmann, Ursina Straub und Daniel Fuchs
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Eine Schneise der Verwüstung zog sich nach dem Felssturz durchs Tal: Doch wie man sieht, ist das Dorf Bondo noch glimpflich davongekommen. Am 23. August 2017 stürzten über drei Millionen Kubikmeter Felsmaterial vom Piz Cengalo ins Tal.
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Nach dem Niedergang eines Felssturzes in der Nähe des Bergeller Bergdorfs Bondo wurde die komplette Gemeinde evakuiert.
Bergsturz in Bondo - diese Bilder zeigen das Ausmass
Ein Rettungsteam mit Suchhunden befiand sich im Bergsturzgebiet im Bergell um nach sechs bis acht Vermissten zu suchen.
Auch einen Tag danach gab es im 200-Seelen-Dorf keine Entwarnung.
Riesige Geröll- und Schlammmassen schoben sich am Tag danach durch das Tal.
Unter dem Schutt wurden zwei Ställe komplett zerstört.
Insgesamt wurden zwölf Bauten beschädigt oder zerstört.

Eine Schneise der Verwüstung zog sich nach dem Felssturz durchs Tal: Doch wie man sieht, ist das Dorf Bondo noch glimpflich davongekommen. Am 23. August 2017 stürzten über drei Millionen Kubikmeter Felsmaterial vom Piz Cengalo ins Tal.

Keystone/Giancarlo Cattaneo

Kurz vor zehn Uhr morgens stauen sich am Dorfeingang von Promontogno die Autos. Nur eine Spur ist befahrbar. Es gibt Wartezeiten bis zu einer halben Stunde. Vor dem Hotel Bregaglia ist der Parkplatz voll. Nur wenige Meter entfernt bietet sich ein spektakuläres Bild: Eine gewaltige Schlammspur zieht sich dem Dorf entlang, die Erdmassen umspülen vier Häuser und begraben die Hauptstrasse unter sich.

Ein Bagger ist mit ersten Aufräumarbeiten beschäftigt. Das Auffangbecken ist randvoll. Grosse Gesteinsblöcke sind an den Seiten des Bachs Bondasca verteilt. Auf der Wiese versammeln sich Schaulustige und Journalisten. Auffallend sind die vielen Kinder. Sie haben schulfrei bekommen.

Auch Patrizia Guggenheim beobachtet die Szene. Sie lebt mit ihrer Familie in Bondo. Die Nacht hat sie bei den Grosseltern in Promontogno verbracht. Wann sie wieder in ihr Haus zurückkehren kann, weiss Guggenheim nicht. Noch hat es keine Entwarnung gegeben, obwohl momentan alles ruhig ist und die Sonne scheint.

Am Vortag hatten die Experten vor weiteren Murgängen gewarnt. «Ich habe Angst um die Bilder meines Vaters Varlin Guggenheim, die im Haus sind», erzählt die Bergellerin. Dann blickt sie auf die stark beschädigten Häuser. In einem der Gebäude habe ein Bekannter seinen neuen Ferrari untergebracht. Das Haus mit dem verwüsteten Garten gehöre einer Frau, die ihr Maiensäss im Val Bondasca verloren habe.

Froh um Sicherheitsbauten

Gemeindepräsidentin Anna Giacometti hat in der Nacht nicht viel Schlaf gefunden. Im Gegensatz zu den Bewohnern von Bondo konnte sie immerhin im eigenen Bett in Stampa schlafen. Die 100 evakuierten Dorfbewohner fanden bei Bekannten und Verwandten Unterschlupf, einige haben im Gesundheitszentrum übernachtet, andere in der Zivilschutzanlage.

«Ich bin dankbar für die Solidarität im Tal», sagt Giacometti. Dankbar sei sie auch für das Ausgleichsbecken in Bondo, welches im Jahr 2012 als Präventivmassnahme gebaut wurde. Damals gab es viel Kritik wegen der Dimension. «Jetzt haben wir die Bestätigung, dass diese Massnahme richtig war.»

Am Piz Cengalo sind immer noch rund eine Million Kubikmeter Material in Bewegung. Vier Millionen Kubikmeter sind am Mittwochmorgen um 9.30 Uhr abgebrochen. Murgänge aus Gestein, Schlamm, Eis und Wasser flossen in drei Hauptrinnen ins Tal. «Der Bergsturz gehört zu den grössten Bündner Bergstürzen der letzten Jahrzehnte», sagt Martin Keiser vom Amt für Wald und Naturgefahren Graubünden. Die ausgelöste Erschütterung erreichte Stärke 3 auf der Richterskala.

Der bröckelnde Berg

Der Piz Cengalo ist ein alter Bekannter, was Bergstürze betrifft. Beim Felssturz im Winter 2011 wurden die Geröllmassen erst mit den Wassermassen während eines Gewitters im Sommer darauf nach Bondo gespült. Den Bewohnern wurde angst und bange, denn sie merkten, der Cengalo bröckelt.

Die Flanke, an der sich auch diesmal die Felsmassen lösten, ist Permafrost-Zone. Auftauender Permafrost sei nie allein verantwortlich bei solch grossen Ereignissen wie dem verheerenden Felssturz am Piz Cengalo, betont die Permafrost-Forscherin Jeannette Nötzli am WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF Davos. «Risse, Wasser, das gefriert und auftaut, sowie andere potenzielle Faktoren lassen einen Berg bröckeln.»

Todeszone Talboden

Beim Gemeindehaus von Promontogno ist der Heli-Landeplatz. Die Suchaktion nach den Vermissten ist in vollem Gange. Eine zuvor vermisste Gruppe hat sich gegen Abend bei Angehörigen gemeldet. Von den übrigen acht Vermissten fehlte bis gestern Abend jede Spur. Möglicherweise handelt es sich um Berggänger, die in der Sciorahütte übernachtet hatten.

Laut dem Hüttenwart haben am Mittwochmorgen kurz nach acht Uhr vier Alpinistenpaare den Abstieg ins Tal angetreten. Das Wegstück war nicht gesperrt. Tafeln hätten aber darauf hingewiesen, dass erhöhte Gefährdung bestehe und der Aufenthalt in diesem Gebiet zu vermeiden sei. Im Gebiet, wo sich die Berggänger zum Zeitpunkt der Katastrophe möglicherweise aufhielten, liegt das Geröll nun bis zu zehn Meter hoch.

Der Helikopterlärm ist allgegenwärtig, Eine Spezialeinheit sucht nach den Vermissten. Ein Armeehelikopter war mit einer Wärmebildkamera unterwegs. Zudem wurde ein sogenannter Imsi-Catcher eingesetzt, mit dem Mobiltelefone geortet werden können. Suchhunde durchkämmen das Gebiet, wo es erreichbar ist. Bei den Vermissten handelt es sich um Deutsche, Österreicher und Schweizer. Einheimische und Kinder sind gemäss Polizei keine darunter.

Später Nachmittag: Auch Bundespräsidentin Doris Leuthard wird eingeflogen. Auf einmal wird das beschauliche Dörflein im abgelegenen Val Bregaglia zum Zentrum des Interesses. In jedem anderen Fall wäre Michael Kirchner, Direktor von Bregaglia Engadin Turismo, begeistert von so viel Aufmerksamkeit. Nun aber sind die Informationsstellen in Maloja, Soglio und Stampa damit beschäftigt, Anrufe besorgter Gäste entgegenzunehmen und Informationen über die möglichen Folgen für den Ferienaufenthalt im Tal zu erteilen.

Doris Leuthard hat am Donnerstag nach dem Felssturz die Gemeinde Bondo besucht.
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Die Bundesrätin reiste in einem Superpuma-Helikopter der Schweizer Armee ins Bündner Bergdorf.
Der Felssturz in der Region um Bondo hat das Bergdorf stark betroffen.
Die Bundesrätin wollte sich vor Ort ein Bild der angerichteten Schäden machen.

Doris Leuthard hat am Donnerstag nach dem Felssturz die Gemeinde Bondo besucht.

Keystone

Karten gegen das Risiko

Die Schweiz hat langjährige Erfahrung im Umgang mit Naturgefahren und exportiert ihr Wissen sogar ins Ausland. Mit der Erderwärmung und dem auftauenden Permafrost treten Schadenereignisse jedoch immer häufiger und anders auf. Prognosen zu machen, ist deshalb schwierig. «Man muss die Gefahrenlage periodisch überprüfen», sagt Andreas Götz, ehemaliger Vizedirektor beim Bundesamt für Umwelt. Ein Restrisiko bleibe zwar bestehen. Die Schweiz kennt ihre Risiken aber so gut wie nie zuvor. Vor 24 Jahren wurden die Kantone verpflichtet, ihre Gefahrengebiete zu kartografieren. 1997 legte der Bund entsprechende Standards fest, seither arbeiten die Kantone an ihren Gefahrenkarten. Deren Erstellung ist komplex und zeitaufwendig. Alleine für den Kanton Waadt wurden 12'000 Karten erarbeitet. Unterdessen ist mit ganz wenigen Ausnahmen die ganze Schweiz kartografiert.
6 bis 8 Prozent der Schweizer Fläche sind demnach instabil. Die Gefahrenkarten zeigen auf, welche Gebiete durch Lawinen, Steinschlag, Murgänge, Einsturz oder Wasserprozesse gefährdet sind. Zu sehen sind rot, gelb und blau markierte Flächen. Neben diesen Gefahrenstufen geben die Karten auch Auskunft über das Ausmass, die Intensität und die Eintretenswahrscheinlichkeit der einzelnen Gefahrenarten. Um die Sicherheit der Bevölkerung zu verbessern, werden zudem Notfallplanungen erarbeitet. In den roten Zonen gilt die Gefahr als «erheblich», weshalb Neubauten verboten sind. Bereits existierende Gebäude dürfen hingegen weiter bewohnt werden, sofern ein Evakuierungsplan besteht und das Risiko für die Bewohner nicht zu gross ist. In seltenen Fällen ordnen die Behörden den Abriss bestehender Bauten an. So wurden etwa vor drei Jahren im luzernischen Weggis wegen eines drohenden Felssturzes fünf Häuser präventiv abgerissen und deren Bewohner umgesiedelt. (Jonas Schmid)