Katholische Kirche
Kapuziner-Mönch vergewaltigte jahrelang Kinder – Kirche schaute 50 Jahre lang weg

Der Kapuzinerpater Joël Allaz hat Dutzende Kinder sexuell missbraucht. Eine unabhängige Untersuchung zeigt nun: Die Kirche hat den Fall jahrelang vertuscht.

Dominik Weingartner
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Daniel Pittet (ganz rechts), der die Missbräuche publik machte, war in Freiburg bei der Präsentation der unabhängigen Untersuchung dabei.

Daniel Pittet (ganz rechts), der die Missbräuche publik machte, war in Freiburg bei der Präsentation der unabhängigen Untersuchung dabei.

KEYSTONE

Es ist ein gravierender Fall sexuellen Missbrauchs im Umfeld der katholischen Kirche: Der Kapuzinerpater Joël Allaz hat über 50 Jahre lang Dutzende Kinder sexuell missbraucht. Der Fall kam Anfang 2017 ans Licht, als das Missbrauchsopfer Daniel Pittet ein Buch über sein Schicksal veröffentlichte. Pittet war neun Jahre alt, als Priester Allaz ihn zum ersten Mal vergewaltigte. Der Vorfall ereignete sich Ende der 1960er-Jahre.

Mit seinem Buch brachte Pittet einen Stein ins Rollen, der den Kapuzinerorden erschütterte. Denn sowohl dem Orden als auch dem Bistum Lausanne, Genf und Freiburg, aus dem der fehlbare Pater stammt, waren die sexuellen Übergriffe während Jahrzehnten bekannt – ohne dass Allaz der Justiz zugeführt worden wäre. Im vergangenen Mai hat der Kapuzinerorden eine unabhängige Expertenkommission eingesetzt, welche den Umgang der kirchlichen Stellen mit dem pädophilen Pater untersuchen sollte.

Buch von Missbrauchsopfer: Papst schrieb das Vorwort

Auslöser für die Untersuchung war das Buch eines Opfers, das den ihm widerfahrenen sexuellen Missbrauch publik machte. Daniel Pittet (57) beschrieb, wie er als Ministrant zwischen 1968 und 1972 vom Priester Joël Allaz missbraucht wurde. Papst Franziskus steuerte das Vorwort zu «Mon Père, je vous pardonne» bei. Er bezeichnet darin Kindsmissbrauch als «fürchterliche Sünde». (nch)

Alarmsignale ignoriert

Gestern hat die dreiköpfige Kommission ihre Ergebnisse vorgelegt. «Dieser Fall illustriert sehr deutlich die Schwierigkeiten der katholischen Kirche, mit dem abwegigen Verhalten einiger Geistlicher gegenüber Minderjährigen umzugehen», heisst es im Bericht. Die Kirche habe eine «defensive Strategie» verfolgt und geglaubt, «die Probleme durch Versetzung des Missbrauchspriesters zu lösen». Dem Schweizer Kapuzinerorden wirft der Bericht vor, «die verschiedenen Alarmsignale bezüglich Joël Allaz» nicht genug wahrgenommen zu haben. Dies gelte auch für das Westschweizer Bistum. Bereits in den 1970er-Jahren habe es an den Wirkungsstätten Allaz’ im Kanton Wallis Vorwürfe gegeben, denen nicht nachgegangen worden sei, so der Bericht. Besonders dem damaligen Provinzial Gervais Aeby wird vorgeworfen, die Vorwürfe ignoriert zu haben.

Kirche schützt Täter

Allaz wurde 1989 nach Frankreich versetzt, um ihn vor einer möglichen Strafverfolgung in der Schweiz zu schützen. Dort missbrauchte der Kapuzinerpater weiter Kinder. Er war in der Pfarreiseelsorge mit Kindern tätig. «Angesichts der Gründe für seine Versetzung nach Frankreich ist es vollkommen unverständlich, dass die Obern von Joël Allaz nicht eingeschritten sind, um zu verhindern, dass ihm solche Tätigkeiten anvertraut wurden», so das Urteil des Berichts. Er spricht weiter von einer «grossen Naivität» im Umgang mit dem pädophilen Pater.

Als auch in Frankreich ein Strafverfahren droht, kommt Allaz 2005 zurück in die Schweiz. Die Rückkehr hat laut Bericht der damalige Schweizer Provinzial Mauro Jöhri angeordnet, der heute als Generalminister höchster Kapuziner der Welt ist. Zwar habe Jöhri «strengen Hausarrest» und eine Überwachung im Kloster von Delémont angeordnet. «Diese Massnahmen konnten allerdings wegen Mangel an Personal nicht vollständig umgesetzt werden», heisst es im Bericht weiter. Zudem wurde der Fall nicht der vatikanischen Glaubenskongregation gemeldet, wie dies seit 2003 kirchenintern in solchen Fällen Vorschrift war.

Auch die Diözese Lausanne, Genf und Freiburg kommt im Bericht nicht gut weg. Noch 2002 habe man sich im Bistum stark darum bemüht, ein Eingreifen der Justiz zu verhindern. «Es wird versucht, das Verhalten der Verantwortlichen der Diözese zu vertuschen. Das tatsächliche Schicksal der Opfer scheint nicht im Vordergrund zu stehen.»

Heute andere Reaktion

In einer Stellungnahme bittet der heutige Schweizer Provinzial der Kapuziner, Frate Agostino Del-Pietro, die Missbrauchsopfer von Allaz um Entschuldigung. «So etwas darf nie mehr vorkommen», so Del-Pietro. «Aufseiten des Kapuzinerordens wurden Hinweise auf ein Fehlverhalten lange Zeit zu wenig ernst genommen oder gar heruntergespielt» – im Bestreben, den guten Ruf des Ordens und den der Kirche «zu schonen».

Weiter schreibt der Provinzial, man sei «nach damaliger Gepflogenheit» bemüht gewesen, eine Anzeige gegen eine «kirchliche Person und damit einen öffentlichen Skandal zu vermeiden». Heute würde man anders reagieren. Seit 2014 verlangt die Schweizer Bischofskonferenz in solchen Fällen eine Anzeige. «Diese Richtlinien wurden von der Schweizer Kapuzinerprovinz übernommen», so Del-Pietro.