WEF

Kapitalisten kritisieren Kapitalismus

WEF-Gründer Klaus Schwab begrüsst die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel

WEF-Gründer Klaus Schwab begrüsst die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel

Eine kranke Weltwirtschaft komme nach Davos ins Sanatorium, sagte WEF-Gründer Klaus Schwab in seiner Eröffnungsrede.

Mit dem Motto «Die grosse Transformation: Neue Modelle erschaffen» hat Klaus Schwab die Erwartungen selber hochgesteckt, wenn nun am Ende des WEF die obligate Frage gestellt wird: Was bleibt?

WEF im Zeichen der Schuldenkrise

Das WEF 2012 stand im Zeichen der dramatischen Staats- und Schuldenkrise. Gewiss, man hat nicht alle Tage die Gelegenheit, die Akteure im Originalton zu hören: Kanzlerin Angela Merkel, Grossbritanniens Premier David Cameron, IWF-Chefin Christine Lagarde. Doch deren Voten zementierten mehr die bekannten Standpunkte, als dass sie «neue Modelle» zutage förderten. Alle übrigen Themen gingen ohnehin unter – selbst so bedeutende wie die Energiezukunft.

Immerhin scheint es so, als hätten die Zweifel am bisherigen System die Chefetagen erreicht. Schwab etwa wurde jahrelang als Inbegriff der Globalisierung bekämpft. Heute macht er Aussagen wie jene im az-Interview: «Der Kapitalismus dient nicht mehr der Gesellschaft, sondern zu sehr dem Einzelnen.» Oder: «Im Grunde genommen sind wir nicht mehr im Kapitalismus, sondern im ‹Talentismus›» – entscheidend sei also nicht mehr das Geld, sondern der Mensch.

Die einst aggressiven WEF-Kritiker ihrerseits campieren als Teil der Occupy-Bewegung friedlich in Iglus. Fragt man die Manager, so finden das alle sympathisch – «mit der Kritik haben sie recht, bloss haben sie keine Lösung», lautet die allgemeine Meinung.

Boni werden weiter ansteigen

Ändert sichauch wirklich etwas? Boni zum Beispiel sind hoch wie eh und je. An einem WEF-Panel sagte ein CEO frei heraus: «Wir müssen uns doch nichts vormachen – die Entschädigungen werden weiter ansteigen.» Und ein anderer: «Wer an der Spitze steht, will viel verdienen. Daran kann man nichts ändern. Wer Teenagern ihre sexuellen Fantasien verbieten will, wird auch zwangsläufig scheitern.» Das zeugt nicht gerade von Lust auf Veränderung.

Die «Süddeutsche» schrieb gestern über die neue Systemdebatte treffend: «Sie leidet unter einem Problem. Die einzige erprobte Alternative zum Kapitalismus ist der Sozialismus. Über den muss man spätestens seit 1989 nicht mehr reden.»

Seit über 40 Jahren vereint Klaus Schwab Entscheidungsträger aus der ganzen Welt. Das ist eine beachtenswerte Leistung. Dass mancher CEO nicht wegen der Wertedebatte kommt, sondern wegen seiner Kunden, ist vielleicht störend, aber nicht verboten. Enttäuschungen über wenig handfeste Ergebnisse entstehen auch deshalb, weil das WEF selber die Erwartungen hochschraubt. Man könnte doch auch einfach sagen: Wenn Entscheidungsträger miteinander reden, ist das besser, als wenn sie es nicht tun. Und wenn deren Treffen in der Schweiz stattfindet, dann nützt das unserem Land. Auch wenn das ein kapitalistisches Argument ist.

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