Nimmt man den Wähleranteil bei den letzten Nationalratswahlen mit 9,6 Prozent als Richtschnur, müssten die Grünen heute mindestens 15 Regierende stellen. Auf ihrem bisherigen Höhepunkt nach der Aargauer Regierungswahl 2008 stellten die Grünen immerhin 10 Regierungsmitglieder.

Grösstes Wählerpotenzial

Der Aufholbedarf ist also gross. Doch haben die Grünen das Potenzial, weitere Sitze zu gewinnen? Gemäss Georg Lutz, Politologe an der Universität Lausanne, haben die Grünen das grösste Wählerpotenzial unter den grossen Parteien. Gemäss einer Studie an seinem Institut konnten 48 Prozent der Befragten sich nämlich vorstellen, grün zu wählen. Für nur knapp 40 Prozent hingegen war die Stimmabgabe für die SVP eine Option. «Die Grünen geniessen Sympathien weit über ihr eigenes Segment hinaus», sagt Lutz.

Doch damit sie diese bei Majorzwahlen in einen Wahlerfolg ummünzen könnten, müssten mehrere Faktoren zusammenpassen. «Grüne Kandidaten haben dann eine Chance, wenn sie als moderate Persönlichkeiten gelten und sich an die politische Mitte anlehnen. Das sei die Logik der Majorzwahl und gelte für alle Polparteien, erklärt der Wahlforscher. Ein wichtiger Faktor sei aber auch, dass das links-grüne Lager selber über eine substanzielle Wählerbasis verfüge. Begünstigend sei zudem, wenn nicht zu viele Bisherige antreten, was in Baselland indes nicht der Fall war. Und schliesslich: «Wenn dann noch die bürgerlichen Allianzen nicht richtig spielen, reicht es.»

Tatsächlich waren es nicht gerade Hardliner, die in den letzten 25 Jahren grüne Exekutivmandate eroberten. In Bern, wo die Grünen 1986 erstmals in eine Kantonsregierung einzogen, waren es die Ex-FDP-Grossrätin Leni Robert sowie Benjamin Hofstetter.

Keine Heisssporne

Auch die heutigen Exponenten – wie etwa David Hiler in Genf, Bernhard Pulver in Bern oder Susanne Hochuli im Aargau – gelten nicht als Heisssporne, sondern als umgängliche Pragmatiker. Das gilt ebenso für den frisch gewählten Regierungsrat Isaac Reber, der im Wahlkampf als Realo mehr mit Finanzthemen als mit Umweltpolitik gepunktet hat.

Doch auch wenn die grünen Realos mehrheitsfähig sind, dass sie nun mit dem Fukushima-Effekt im Rücken die kantonalen Exekutiven im Sturm erobern, glaubt Politologe Lutz nicht: Der eine oder andere Sitz liege zwar noch drin, aber «politische Erdrutsche sind nicht zu erwarten». Von den an den beiden kommenden Wochenenden anstehenden Urnengängen in Zürich, Luzern und Tessin sieht Lutz für die Grünen vor allem in Zürich eine interessante Ausgangslage. Dort tritt mit Martin Graf ein langjähriger Parlamentarier an, der zudem als Stadtpräsident von Illnau-Effretikon fungiert: «Der Sitz von SVP-Vertreter Markus Kägi ist gefährdet», so Lutz.

Die grünen Erfolge seien hart erarbeitet, sagt derweil Parteichef Ueli Leuenberger. Der Erfolg hänge nicht nur von starken Persönlichkeiten ab, sondern auch von einer guten Fraktionsarbeit im Parlament. Dass in Zürich die Grünen erneut auf Kosten der SVP in die Regierung einziehen könnten, freut Leuenberger, der eine gewisse Schadenfreude nicht verhehlen mag: «Am letzten Sonntag habe ich dreimal das Baselbieter Lied gesungen», lacht er, «was ich nächsten Sonntag singen muss, weiss ich noch nicht.»