Schweiz

Kantone wollen nichts von Grenzwerten wissen – oder kommunizieren sie zumindest nicht

Im öffentlichen Verkehr gilt die Maskenpflicht überall. Ansonsten hat jeder Kanton seine eigenen Regeln.

Im öffentlichen Verkehr gilt die Maskenpflicht überall. Ansonsten hat jeder Kanton seine eigenen Regeln.

Die Wissenschafterin Emma Hodcroft fordert einen Automatimsus: Ab gewissen Fallzahlen sollen gewisse Massnahmen gegen das Corona-Virus ergriffen werden.  Bern will ab 35 Neuinfektionen eine Maskenpflicht in den Läden einführen. Ansonsten halten sich die Kantone mit Grenzwerten aber zurück.

50 Neuinfektionen pro 100'000 Einwohner: Das ist die magische Zahl in Deutschland. Wird der Wert in einer Region überschritten, werden die Massnahmen im Kampf gegen das Coronavirus verschärft. Bundesländer können auch einen tieferen Grenzwert festlegen, in Bayern etwa gilt 35, in Berlin 30. Die Basler Virologin Emma Hodcroft beurteilt diese Grenzwerte positiv - und fordert sie auch für die Schweiz: «In Deutschland wissen alle, wie es funktioniert und was die Konsequenzen sind. Es hilft den Leuten, zu wissen, wo wir stehen und wo es hingehen könnte.» Hodcroft glaubt, dass mit bekannten Grenzwerten das Bewusstsein geschärft wird: «Es geht um Kommunikation. Das Virus muss in den Köpfen präsent bleiben! Und der Plan muss bekannt sein.»

Schweizweit gibt es keine Grenzwerte, wie sie etwa Deutschland kennt. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) verweist darauf, dass die Hauptverantwortung für die Bewältigung eines Wiederanstiegs der Covid-19-Fälle bei den Kantonen liegt: «Kantone, die eine Zunahme der Fallzahlen feststellen, bewältigen lokale Ausbrüche mit geeigneten Massnahmen.»

Die Kantone wiederum haben meist ein Strategiepapier, wie sie bei steigenden Infektionszahlen handeln wollen. Nur: Transparent sind diese Papiere in der Regel nicht.

Vom Kanton Thurgau ist bekannt, dass er ab 20 Neuinfektionen pro Tag (über drei Tage gemittelt) empfehlen wird, dass möglichst alle von zu Hause aus arbeiten sollen. Der Berner Gesundheitsdirektor Pierre-Alain Schnegg wiederum gab kürzlich in einem Interview mit der Tageszeitung «Der Bund» bekannt, wann der Kanton eine Maskenpflicht in Läden und öffentlichen Innenräumen einführen wird: Bei 47 Ansteckungen pro 100'000 Einwohner während 14 Tagen. Der Kanton begründet die Transparenz damit, dass er «in diesen unsicheren Zeiten einen Orientierungsrahmen für all jene schaffen, die von dieser Massnahme betroffen sein werden». Basel-Stadt wiederum führte die Maskenpflicht in Läden ein, weil in 14 Tagen mehr als 40 Fälle pro 100'000 aufgetreten sind.

Die Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren (GDK) hält wenig von einem gesamtschweizerischen Ampel- oder Grenzwertsystem: «Diese Systeme haben aus unserer Sicht den grossen Nachteil, dass auf lokale oder regionale Begebenheiten zu wenig adäquat reagiert werden kann», sagt Sprecher Tobias Bär. Selbst innerhalb eines Kantons käme ein solches System an Grenzen: «Gefragt sind zielgerichtete Massnahmen, die auf die jeweilige Situation angepasst sind. Es macht keinen Sinn, im Voraus festzulegen, dass ab Faktor x die Massnahme y beschlossen wird - wenn sich aufgrund der konkreten Ausbruchssituation herausstellt, dass vielleicht die Massnahme z viel zielführender sein könnte.»

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