Kanton Bern

Was braucht es zum friedlichen Zusammenleben? - Am Beispiel der Minarettverbots-Initiative diskutierten Christen und Muslime die Bedingungen für eine religiös-pluralistische Gesellschaft.

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«Wir haben zunehmend Angst vor der Angst der anderen», kommentierte Halil Sütlü. Als Schweizer mit türkischen Wurzeln fühle er sich «zunehmend verängstigt, bereits mit dem Gedanken an ein Baugesuch für ein Minarett an die Öffentlichkeit zu gelangen».

Das Vorstandsmitglied der Gemeinschaft Christen und Muslime Schweiz begründete das damit, dass es der Gegnerseite «nur noch darum geht», Muslime zu stigmatisieren: «Man stellt mich als potenziellen Christenmörder dar», schloss Sütlü; «solche Gedankengänge müssen darin enden, uns auslöschen zu wollen.»

«Jede Freiheit wird eingeschränkt»

Patrick Freudiger, angesprochener Langenthaler SVP-Stadtrat und Vertreter des Minarettverbot-Initiativkomitees, verwahrte sich dagegen, «in diese Braune Ecke» gerückt zu werden.

Er warf ein, sich für Religionsfreiheit einzusetzen - mahnte aber: «Jede Freiheit wird irgendwie eingeschränkt.» Dass sich die westliche Kultur der Scharia, dem religiös abgeleiteten islamischen Rechtssystem, «unterwerfen» solle, «hat nichts mehr mit Religionsfreiheit zu tun». Komme hinzu: «Ein Minarett ist nicht dringend nötig, um Muslim zu sein», argumentierte er. «Es ist daher ein religiös-politisches Machtsymbol», begründete er.

«Auf beiden Seiten fallen mir immer wieder recht fundamentalistische Auffassungen auf», sagte Rifa ́at Lenzin. Die Islamwissenschafterin am Zürcher Lehrhaus mahnte, es sei «nicht primäres Ziel der Muslime», in der Schweiz Minarette zu bauen. Dafür sei die Gesellschaft der Muslime zu unterschiedlich. Entsprechend sei das «Motiv des Machtanspruchs» durch Minarette «total aus der Luft gegriffen», sagte die Muslimin.

Nur Frage der «Lufthoheit» oder mehr?

Lenzin bemängelte grundsätzlich, «dass hier mit der Religion anderer Politik gemacht wird». Für Schweizer Muslime sei es frustrierend, dass sie machen könnten, was sie wollten: «Aus derselben Ecke werden sie immer angefeindet.» Frank Mathwig, Ethik-Beauftragter beim Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund (SEK), appellierte an die Besinnung auf die Friedensbotschaft der Bibel. Daraus abgeleitet müsse man sich doch vielmehr die Frage stellen, «wie können wir zusammenleben? - statt »

Störend empfinde er an der Minarettverbots-Initiative und deren Urhebern, «dass sie uns diktieren, wo die Religionsfreiheit aufhört». Freudiger sagte, Schweizer Freiheitsrechte, wie das Recht auf Selbstverwirklichung, der Zugang zum Wohlfahrtsstaat oder zu Bildung, stünden allen offen: «Wir garantieren Freiheit praktisch überall»; da sei es «doch nur angemessen, als kleine Gegenleistung ein paar Anpassungen verlangen zu dürfen».

Was ein «Türmchen» bewegen kann

Für Sütlü geht es jedoch nicht um ein Integrations-, sondern um ein Demokratieproblem: «Was wir Muslime fordern, ist Gleichheit aller Menschen in diesem Land.» Weder Herkunft, Sprache, Religion oder sexuelle Orientierung dürfe eine Rolle spielen. Entsprechend forderte er, «das zoologische Revierdenken zu durchbrechen». Daher sehe er auch «nichts, wie wir der Schweiz entgegenkommen könnten. Ich bin auch die Schweiz».

Daran störte sich Daniel Moser, Pfarrer der Neutestamentlichen Gemeinde Bern-Liebefeld: «So denken wir Schweizer eben, wir sind einfach zu nett», mahnte er; «würde dies auf der Gegenseite ebenso gelebt, könnten wir das ja noch akzeptieren.» Doch würden Christen noch heute weltweit verfolgt, «insbesondere auch in muslimischen Ländern».

Die konkrete Antwort auf die Frage von Moderator Albert Rieger, Leiter Migration der reformierten Kirche Bern-Solothurn-Jura, wie er es als Bibeltreuer dabei mit dem Satz halte, «Tue anderen nicht an, was dich ärgern würde, wenn andere es dir täten», blieb der Freikirchen-Vertreter jedoch schuldig. Schliesslich bekundete Freudiger «ein gewisses Verständnis» für die Situation der Muslime in der Schweiz: «Dann schliesst euch zusammen und organisiert eine Grossdemonstration, wobei Ihr euch von all den dunklen Seiten des Islams lossagen könnt», schlug er vor.

Sütlü folgerte, «einige Schweizer» müssten «zuerst vor ihrer eigenen Haustüre wischen». Ob der angetönten Ängste Freudigers vor einem Minarett frage er sich vielmehr, wie die Identität eines jungen Mannes «durch ein derart erschüttert» werden könne. (mz/sat/fhe)