Coronakrise

Kann man einfach die Risikogruppe isolieren?

Es ist fraglich, ob die Isolation der Risikogruppen den gewünschten Effekt erzielen würd.

Es ist fraglich, ob die Isolation der Risikogruppen den gewünschten Effekt erzielen würd.

Südkorea hatte mit der Isolation Infizierter Erfolg. In der Schweiz, aber auch in anderen Ländern wird dieser Weg diskutiert. Doch er hat seine Tücken.

Die wirtschaftliche Existenzangst wird von Tag zu Tag grösser, Bildungsexperten warnen vor längeren Schulschliessungen und Psychologen und Psychiater sprechen über Verzweiflung, Depressionen, Aborte und Suizide. Das Ende des Lockdowns wird immer öfter gefordert.

Eine Methode klingt dabei verlockend: Man isoliert bloss die Risikogruppe, während man den anderen Menschen freien Lauf für Arbeit und Freizeit lässt. Nicht nur in der Schweiz wird sie vermehrt gefordert. In den USA hat der Trump-nahe Sender Fox News diese Methode propagiert. Deutlich abgelehnt wird sie nun in der «Washington Post»: Zum einen, weil auch jüngere Menschen von der Erkrankung betroffen seien, gegen das Virus wegen seiner Neuartigkeit niemand immun sei und die Ansteckung rasend schnell vonstattengehe.

Dieses Problem entschärft sich allerdings mit dem Lauf der Epidemie. In der Schweiz geht man davon aus, dass nach ein paar Wochen bis zu 20 Prozent der Bevölkerung immun sind. Dann sollte es nach Ende des Lockdown nicht zu übermässig vielen Neuinfektionen und einem Überlauf in den Spitälern kommen.

© CH Media

Austausch mit Personen ohne Risiko

Schwierig ist die alleinige Isolation von Risikopersonen aber, weil viele dieser Menschen im Austausch mit Nicht-Risikopersonen stehen. Am meisten gilt das für jüngere Personen mit Vorerkrankungen, die in einem Mehrgenerationen-Haushalt wohnen. Konsequenterweise müsste man dann die ganzen Familien isolieren. Oder Risikopersonen extern in Quarantäne stellen. Aber auch für ältere Risikopersonen kann es über das Pflegepersonal in Altersheimen zu Kontakt mit der Aussenwelt kommen. Das ist zwar schon heute der Fall. Das Pflegepersonal ist durch die aktuellen Massnahmen zur Zeit aber besser vor einer Infektion geschützt.

Bezweifelt wird, ob überhaupt alle Risikopersonen isoliert werden könnten. In der Schweiz rechnet das Bundesamt für Gesundheit viele Menschen zu den Risikopersonen: solche mit Bluthochdruck, mit Atemwegserkrankungen wie Asthma, Raucherlungen COPD oder Chronischer Bronchitis wie auch Leute mit Herzkreislauf-, Diabetes- und Krebserkrankungen. Die Methode der Isolation wäre allein nur schon wegen der 2,6 Millionen Betroffenen (siehe Grafik) sehr anspruchsvoll.

Mehr Erfolg hätte wohl die von Wissenschaftern wie dem Epidemiologe Marcel Salathé vorgeschlagene Methode der «Test-Isolate-Quarantine». Damit nach einem Ende des Lockdown die Infektionszahlen nicht wieder nach oben gehen, müssen dafür allerdings einige Punkte erfüllt werden. Die Testmöglichkeiten müssen so vereinfacht werden, dass jeder, der nur leichte Symptome spürt, sofort getestet werden kann. Bei einem positiven Entscheid wird er sofort isoliert.

Problem des Datenschutzes

Das reicht aber nicht, weil der Betroffene vorher schon andere angesteckt haben könnte. Deshalb müssen alle Kontaktpersonen gefunden werden, die sich dann so schnell wie möglich in Quarantäne begeben müssen, um niemanden zu gefährden. Im Moment können gemäss dem BAG 6000 bis 8000 Personen pro Tag getestet werden, das würde für ein «Test-Isolate-Quarantine» noch nicht reichen. Die Methode hat in Südkorea funktioniert, weil mit umfangreicher Handy-Überwachung und geeigneten Apps mögliche Ansteckungsquellen sofort ausfindig gemacht und isoliert wurden. So viel Überwachung hat es bis anhin in der Schweiz schwer, vielleicht wäre das unter dem Druck des Virus leichter möglich.

Autor

Bruno Knellwolf

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