Unzufriedene Eltern scheuen keine Konflikte mehr. Während Entscheidungen von Lehrern und Schulleitern früher oft anerkannt wurden, ist das längst nicht mehr der Fall. Stattdessen wird mit juristischen Schritten gedroht. Dabei ist es egal, ob es um Noten, die Hausaufgaben oder den Übertritt ans Gymnasium geht: Wo Eltern nicht einverstanden sind, kommt es zu Streit – der manchmal erst vor Gericht endet.

Der Trend beschäftigt Schulen in allen Kantonen – und hat Folgen für das Personal. Der Schweizer Schulleiterverband wird nun auf seiner Homepage deutlich: «Der Rechtsschutz ist so wichtig wie nie zuvor», schreibt er. Der Verband hat deshalb reagiert und bietet seinen über 2000 Mitgliedern eine kollektive Rechtsschutzversicherung an.

Wachsende Zukunftsängste

«Eltern sind heute öfter der Meinung, dass etwas falsch laufen muss, wenn ihr Kind schlechte Noten erhält oder nicht fürs Gymnasium empfohlen wird», sagt Bernard Gertsch, Präsident des Schulleiterverbandes. Ein Grund sind die wachsenden Zukunftsängste: «Durch die Digitalisierung und den technischen Fortschritt wird es in 20 Jahren viele Berufe in der heutigen Form nicht mehr geben», sagt Gertsch. Das bereite vielen Eltern Sorge. Zudem seien sie nicht mehr an autoritäre Instanzen gewöhnt. Väter und Mütter wiederum fühlen sich oft missverstanden und sehen ihren Nachwuchs unfair behandelt. Die Folge: Die Spannungen an den Schulen steigen.

Bliebe es bei Auseinandersetzungen mit Eltern, wären keine weiteren Versicherungen nötig. Die zuständige Schulbehörde ist für den Schutz ihres Personals zuständig. Dass der Schulleiterverband trotzdem für den Rechtsschutz wirbt, liegt an den Folgen solcher Konflikte. Sie können zu einer Kündigung beitragen. «Zuletzt haben mehr Mitglieder ihre Entlassung oder deren Begründung angefochten», sagt Gertsch. Deshalb habe man nun auf der Homepage auf die Bedeutung des Rechtsschutzes hingewiesen. Auch das Arbeitszeugnis und damit die Chance auf künftige Stellen seien oft ein Streitpunkt.

52 Seiten gegen Problemeltern

Die Entwicklung geht über alle Hierarchiestufen hinweg. Nicht nur Schulleiter, auch Lehrer beklagen den gestiegenen Druck. Der Schweizer Lehrerverband hat deshalb bereits im Herbst einen 52-seitigen Ratgeber veröffentlicht. Er zeigt, wie man mit Problemeltern umgehen sollte – samt Fallbeispielen.

Einerseits seien die Eltern anspruchsvoller geworden, andererseits hätten sie weniger Hemmungen, ihrem Unmut freien Lauf zu lassen, heisst es darin. «Lehrer galten früher als Respektspersonen, heute müssen sie sich öfter rechtfertigen.» Besonders junge Lehrkräfte dürften sich einiges anhören. Eltern hielten sie schnell für inkompetent. Unterschwellig schwingt immer dergleiche Vorwurf mit: «Der Lehrer ruiniert die Berufschancen meines Kindes.»

Landesweite Zahlen zu den Beschwerden gibt es nicht. Jeder Kanton handhabt die Statistiken anders. Die Entwicklung ist dennoch sichtbar: So erhält der Rechtsdienst des Zürcher Volksschulamts heute mehr Anfragen als früher, schrieb der «Blick» kürzlich. Der Dienst bearbeite 3000 Anfragen pro Jahr, rund 400 stammen von Eltern. Weitere Kantone wie Basel-Stadt oder St. Gallen bestätigen den Trend auf Anfrage.

Damit Konflikte nicht vor Gericht enden, hat der Lehrerverband ein Positionspapier entwickelt, über das derzeit diskutiert wird. Die Lehrer fordern erstens eine unabhängige Ombudsstelle, damit ein Streit nicht eskaliert. Früher hätten Schulinspektoren die Rolle des Vermittlers übernommen, doch diese Position gibt es vielerorts nicht mehr. Zweitens sind die pädagogischen Hochschulen gefragt. Sie sollen in der Ausbildung der angehenden Lehrer das Elterngespräch zum Pflichtstoff erklären.