Aller Anfang ist schwer. Und manchmal reichlich undankbar. Noch hat Anne Dardelet, Vorsteherin der Genfer Sektion der Bewegung «En Marche», nicht mal mit der Arbeit begonnen, schon schreit ihr ein Passant zu: «Ihr elenden Idioten! Wo glaubt ihr eigentlich zu sein?»

Was den älteren Herrn sichtlich enerviert, ist das zeitungsgrosse Plakat mit dem Konterfei von Emmanuel Macron, das Anne soeben an die Wand geklebt hat. Im Bahnhof Genf, mitten in der Fussgängerpassage. Gleich wird sie für den aussichtsreichen Kandidaten der französischen Präsidentschaftswahlen auch noch Broschüren verteilen. Ein Glück für den Kreislauf des Mannes, dass er schon weitergegangen ist.

Ausländische Politpropaganda auf Schweizer Boden? Spätestens seit den Querelen rund um die türkische Verfassungsabstimmung ist das kein Fremdwort mehr. Im Gegensatz zu den Besuchen von hohen türkischen Offiziellen verschwindet der französische Wahlkampf aber gerade in der Deutschschweiz weitgehend vom Radar der Öffentlichkeit.

Dabei findet er in diesen Tagen besonders ausgeprägt statt – in eineinhalb Wochen wird schliesslich gewählt. Der Grund dafür ist simpel: In keinem anderen Land der Welt leben so viele Auslandfranzosen wie in der Schweiz. Und die meisten von ihnen dürfen hierzulande ihre Stimme abgeben.

Gemäss Angaben der französischen Botschaft sind 179 743 Personen im entsprechenden Wahlregister eingetragen. Ihnen stehen am Wahltag nicht weniger als 90 Urnen zur Verfügung – in Konsulaten, französischen Schulen oder Hotels.

Auf die Strategie kommt es an

Der Aktivismus kommt nicht von ungefähr. «Die Stimmen der Franzosen in der Schweiz könnten entscheidenden Einfluss auf den Ausgang der Präsidentschaftswahlen haben», sagt Anne und stülpt sich ein graues «En Marche»-Shirt über die Bluse. Im Alltag ist sie Juristin, in der Freizeit macht sie Werbung für Macron.

So wie heute am Bahnhof Genf – was natürlich kein Zufall ist. Um 17.41 Uhr fährt ein TGV nach Paris, die meisten Passagiere haben wohl einen französischen Pass. Also fangen Anne und ihre Mitstreiterin diese in der Unterführung ab, drücken ihnen eine Broschüre mit den Wahlversprechungen Macrons in die Hand und wünschen eine gute Reise.

Nicht wenige der «Beschenkten» reagieren reichlich irritiert. «Ich hätte nicht damit gerechnet, auch noch hier mit Material eingedeckt zu werden», sagt Virginie Syn, die gerade auf Durchreise ist. Ihre Stimme hätte sie ohnehin Macron gegeben. «Insofern war das jetzt vergebliche Liebesmüh», sagt sie und lacht.

Anne nimmt eine neue Broschüre zur Hand. Jetzt eilen die Passagiere schon auf den Zug, Zeit für ein Gespräch bleibt nun nicht mehr. Dabei hätte die 29-Jährige ein ganzes Arsenal an Argumenten für Macron auf Lager: «Er ist der einzige Kandidat, der sich klar zur EU bekennt. Er hat den Mut, den offenen Laizismus zu thematisieren. Er will die Nachbarschaftspolizei stärken. Er ...» Anne redet sich ins Feuer und vergisst dabei fast, die Broschüren zu verteilen. In drei Minuten fährt der Zug.

Viel lieber als am Bahnhof steht die gebürtige Pariserin deshalb vor der Konzerthalle «Arena»; da sind die Gesprächspartner entspannter. Natürlich nehmen Anne und ihre Mitstreiter den Aufwand nur auf sich, wenn französische Musiker auftreten – weil diese zahlreiche Landsleute anlocken. Was im Grossen gilt, zeigt sich auch im Kleinen: Ohne strategisches Geschick kann ein Wahlkampf nicht erfolgreich sein.

Die «Schweizer» Französin

Macrons «Marchisten» sind unter den französischen Wahlkämpfern in der Schweiz die aktivsten. Gemäss eigenen Angaben haben sie Ableger in sieben Städten und mehr als 1300 Sympathisanten (wobei dafür eine Online-Registrierung ausreicht). Neben Verteilaktionen organisieren sie regelmässige Informationsveranstaltungen oder namensgerechte Spaziergänge, wie jüngst etwa auf dem Zürcher Uetliberg. Aber auch der Parti républicain, die Partei von Ex-Premier François Fillon, tourt derzeit durch die Kantone.

Am Schalthebel: Claudine Schmid. Die Savoyardin wohnt im zürcherischen Opfikon und hat eine Funktion inne, von der nur wenige wissen, dass es sie überhaupt gibt: Sie ist die Abgeordnete der Schweiz und Liechtensteins in der französischen Nationalversammlung und reist jede Woche nach Paris.

Schmid hat also zwei Hüte auf: der eine als Botschafterin für Präsidentschaftskandidat Fillon, der andere als Wahlkämpferin in eigener Sache. Heute erhofft sie sich von den Berner Auslandfranzosen Gehör und hat dafür in den Räumlichkeiten der französischen Kirche einen Saal reserviert. Der Anlass erinnert allerdings weniger an eine feurige Wahlkampfveranstaltung als an ein geselliges Beisammensein im kleinen Rahmen. Man sitzt um einen Tisch, trinkt Mineralwasser und diskutiert über die französische Politik.

Schmid präsentiert die wichtigsten Pfeiler aus Fillons Programm – «befreien», «beschützen», «versöhnen» –, wird aber dauernd von ihren Landsleuten unterbrochen. Sie stellen ihr konkrete Alltagsfragen, etwa, ob «ihr» Kandidat das E-Voting endlich (wieder) einführen werde. Schmid bleibt vage, beteuert aber, dass Fillon der einzige Kandidat sei, «der sich ernsthaft um die Befindlichkeiten der Auslandfranzosen kümmern wird».

«Wie erobertes Gebiet»

Vom malerischen Saint-Saphorin-sur-Morges aus, hoch oberhalb des Genfersees, agiert derweil Jean-Claude Marchand. Er ist der Schweizer Delegierte des Front National (FN), der Partei der aussichtsreichen Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen. Im Gegensatz zu den Marchisten und den Républicains schiebt er eine ruhige Kugel – ganz bewusst. Wahlkampfreden, Plakataktionen, Flyerverteilungen sind nicht sein Ding.

«Eine schöne Veranstaltung braucht einen Tenor», sagt er und denkt dabei an einen FN-Spitzenvertreter aus Frankreich. Doch diese seien derzeit nicht abkömmlich. Ohnehin spiele sich der Wahlkampf heutzutage in den sozialen Medien ab. «Und da sind wir schon aktiv», sagt er.

Dass die Bewegung «En Marche» am Bahnhof Genf Wahlkampfmaterial verteilt, bringt den sonst überaus höflichen Rentner allerdings richtiggehend aus der Fassung. Er ärgert sich masslos über die Vertreter der «Spontangeneration», die jeglichen Respekt für hiesige Gepflogenheiten vermissen liessen. «Sie scheinen vergessen zu haben, dass sie nicht in Genf zuhause sind», so Marchand. Den Schweizer Boden behandelten sie «wie erobertes Gebiet».

Nachfrage also bei den SBB: Ist es legal, in den Bahnhöfen Politpropaganda zu machen? «Ja, das ist es absolut», heisst es bei der Medienstelle. Aufgrund eines Bundesgerichtsurteils wurden in gewissen Bahnhöfen gar eigens Flächen für Verteilaktionen oder Unterschriftensammlungen ausgeschieden. Sie dürfen für jeweils 20 Minuten benutzt werden und heissen schön formalistisch «bewilligungsfreie Promotionsplätze». Bienvenus en Suisse.