Schon am 13. Januar will der Freisinn in die Offensive gehen. Dann präsentiert er an der Delegiertenversammlung zwei Resolutionen und ein neues Positionspapier zur Klima-, Energie- und Medienpolitik. Themen, die bisher nicht zu den Kerngebieten der FDP zählten. Sie sind im Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) von CVP-Bundesrätin Doris Leuthard beheimatet – und gelten damit als CVP-Domäne.

Leuthard ist zwar noch bis zum 31. Dezember, 24 Uhr Bundespräsidentin. Ab dann übernimmt Alain Berset. Doch kaum neigt sich ihr Präsidialjahr dem Ende zu, geht der Kampf los um ihr Erbe. Bundesbern geht davon aus, dass sie 2018 zurücktritt. Sie selbst hatte ihren Rücktritt am 1. August gegenüber dem Westschweizer Fernsehen RTS zum Thema gemacht und gesagt, sie befinde sich «am Ende ihrer letzten Legislatur».

Leuthard sei «strategisch geschickt», sagt FDP-Präsidentin Petra Gössi im Interview mit der «Schweiz am Wochenende». Wenn sie ihren Rücktritt platziere, warte sie nicht anderthalb Jahre. «Mein Bauchgefühl sagt mir, dass der Rücktritt spätestens im Herbst 2018 erfolgt.» Die FDP schiele mit der Offensive nicht auf das Uvek, betont Gössi. «Wir wollen sofort mit Forderungen auftreten, sobald im Uvek eine neue Bundesrätin oder ein neuer Bundesrat am Drücker ist.»

Schon in der Märzsession könnte es soweit sein, sagen CVP-Insider. Nach der «No Billag»-Abstimmung vom 4. März könne der Rücktritt «in jeder Session erfolgen: im März, Juni oder September.»

Das Schreckensszenario

Geschwächt durch die Affäre um Yannick Buttet, wirkt die Partei gelähmt im Wissen, dass Leuthard nach dem Präsidialjahr schnell weg sein könnte. «Ich bin nicht überzeugt, dass es richtig war, den Rücktritt so früh anzukündigen», sagt CVP-Nationalrat Fabio Regazzi. «Die Partei befindet sich in einem Schwebezustand.» Das erhöhe die Unsicherheit, gebe Raum für «Spiele und Spekulationen».

In der CVP kursiert ein Schreckensszenario. Kaum jemand wagt, es offen zu thematisieren. Es sieht so aus: Leuthard tritt 2018 schnell zurück. Und Präsident Gerhard Pfister kandidiert für ihre Nachfolge. Damit wäre die Partei, gut eineinhalb Jahre vor den Wahlen, führungslos. Nach Buttets Rücktritt als Vizepräsident müssten Nationalrätin Ida Glanzmann als zweite Vizepräsidentin und Fraktionschef Filippo Lombardi die Partei in die Bundesratswahlen und in die Wahlen 2019 führen. Lombardi war aber schon im Fall Buttet durch Abwesenheit aufgefallen.

Er könne sich nicht vorstellen, dass Pfister für den Sitz Leuthards kandidiere, sagt Nationalrat Regazzi. «Täte er es aber doch, hätten wir ein Problem.»

Pfister steckt als Präsident in einer vergleichbaren Situation wie Leuthard 2006. Die Aargauerin war am 18. September 2004 zur Parteipräsidentin gekürt worden und kandidierte bereits im Juni 2006 als einzige CVP-Kandidatin für die Nachfolge von Bundesrat Joseph Deiss. Sie hatte der CVP in ihren Eindreivierteljahren als Präsidentin wieder ein positives Image verpasst. Programmatisch aber hinterliess sie nur wenige Spuren.

Pfister winkt wohl einmalige Chance

Pfister war am 23. April 2016 zum CVP-Präsidenten gewählt worden. Nach nicht einmal zwei Jahren steht er vor der Frage, ob er Leuthard beerben soll. Ihm winkt eine Chance, die wohl nicht wieder kommt. Der CVP-Präsident hätte mit seinem Mitte-Rechts-Profil gute Chancen auf eine Wahl mit den Stimmen der SVP, aber auch der FDP. Parteipolitisch geht es bei Leuthards Nachfolge vor allem um die Frage, ob ihr Sitz wieder Mitte-Links zufällt. Oder ob er zu Mitte-Rechts wechselt und damit die 4:3-Mehrheit von SVP und FDP zuverlässiger macht. Um den Vorsprung des Präsidenten wissen auch die Parlamentarier. Werden sie vertraulich nach den eigenen Bundesrats-Ambitionen gefragt, wollen viele wissen, ob Pfister kandidiere. Gegen ihn anzutreten, urteilen sie, wäre schwierig.

Ihnen ist aber bewusst, dass eine Kandidatur Pfisters die Partei in ein Desaster stürzen könnte. Vielen graut vor der Vorstellung, ohne Strahlefrau Doris Leuthard und ohne Taktgeber und Stratege Gerhard Pfister in die Wahlen 2019 steigen zu müssen. Pfister hat die Partei zwar geschlossener und programmatisch profilierter werden lassen. Den Turnaround hat er aber noch nicht geschafft.

Mit einer Kandidatur ginge Pfister ein hohes Risiko ein. Würde er es nicht in den Bundesrat schaffen, wäre er als Parteipräsident verbrannt. Und sollte er zwar gewählt werden, doch die Partei in den Wahlen 2019 abstürzen, würde man ihn dafür verantwortlich machen.
Die möglichen Bundesrats-Kandidaten äussern sich nur zurückhaltend. Der Satz, Leuthard solle bleiben, ist vor allem von Frauen auffällig oft zu hören. «Im Moment» sei die Frage einer Kandidatur für sie «kein Thema», sagt etwa Nationalrätin Viola Amherd (VS). Leuthard solle «so lange wie möglich bleiben», sagt sie. «Und wenn es eines Tages so weit ist, werde ich abklären, ob das etwas für mich ist oder nicht.» Oder Nationalrätin Andrea Gmür (LU): «Ich hoffe, dass sie bis Ende der Legislatur bleibt. Das ist mein innigster Wunsch.» Oder Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter. «Die Frage stellt sich für mich nicht, weil Bundespräsidentin Doris Leuthard fest im Sattel sitzt. Sie ist für den Bundesrat zentral. Deshalb wünsche ich mir, dass sie möglichst lange bleibt.»

Anders tönt es bei den Männern. «Ich äussere mich dazu, wenn klar ist, wann die Nachfolge bestellt werden muss», sagt Nationalrat Daniel Fässler (AI). «Und die Nachfolge sehe ich aus der Zentral- oder Ostschweiz.» Bevor ein Rücktritt vorliege, «rede ich nicht über das Thema», sagt Ständerat Konrad Graber (LU). «Aus Respekt vor der Arbeit der Bundespräsidentin.» Gar nicht äussern will sich Ständerat Pirmin Bischof (SO).

Leuthard zum Bleiben bis Legislaturende bewegen

Die Angst in der CVP ist gross, dass bei einer Leuthard-Ersatzwahl die politischen Gräben wieder aufbrechen. Auch deshalb möchten Parlamentsmitglieder, dass die Parteispitze Leuthard zu bewegen sucht, bis Ende Legislatur zu bleiben. Das würde die Situation stabilisieren.

Andere wie Nationalrat Martin Candinas (GR) hoffen auf eine Doppelvakanz mit Johann Schneider-Ammann (FDP): «Sie würde den Spielraum im Interesse des Landes öffnen.» Schneider-Ammann hatte an der Ständerats-Präsidentenfeier in Wil seinen Rücktritt thematisiert und Karin Keller-Sutter vor versammelter Politprominenz als seine Nachfolgerin ins Spiel gebracht. Keine Diskussionen um einen möglichen Rücktritt gibt es hingegen bei Finanzminister Ueli Maurer: Er ist im Wahljahr Bundespräsident.

Und was sagt Gerhard Pfister selbst zu einer Kandidatur? Der CVP-Präsident verweist auf eine Aussage, die er in der «Zentralschweiz am Sonntag» gemacht hatte: «Ich sehe mich nicht als Kandidaten.»