Ebola-Epidemie
Kampf gegen Ebola: Sie geht für das Rote Kreuz nach Sierra Leone

«Vor mir muss nachher niemand Angst haben», sagt Silvie Bachmann schon jetzt. Die Berner Pflegefachfrau wird am Sonntag im Auftrag des Schweizerischen Roten Kreuzes nach Sierra Leone fliegen und dort in einem Ebola-Zentrum arbeiten.

Rinaldo Tibolla
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«Angst nicht, aber Respekt»: Silvie Bachmann geht für das Schweizerische Rote Kreuz nach Sierra Leone.

«Angst nicht, aber Respekt»: Silvie Bachmann geht für das Schweizerische Rote Kreuz nach Sierra Leone.

Alex Spichale

Argentinien, Guatemala, Pakistan, Südsudan und Kongo: Die Berner Pflegefachfrau Silvie Bachmann hat schon in vielen Teilen dieser Erde Menschen geholfen.

Nun traut sie sich wohl an die bislang schwierigste Aufgabe: Sie reist ins Ebola-Gebiet in Afrika. Als eine von wenigen Schweizern wird sie im Auftrag des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) einen Monat in einem Ebola-Zentrum in Sierra Leone arbeiten.

«Es ist nicht einfach, Personen für einen solchen Einsatz zu finden», sagt Bachmann. Gerade medizinisches Fachpersonal, aber auch Logistiker seien sehr gefragt.

Bei ihr hätten es die Umstände zugelassen, mitzumachen: Die 34-Jährige ist nicht verheiratet und hat keine Kinder. Eltern und Schwester würden aber «voll und ganz» hinter ihr stehen. «Sie wissen, dass ich schon viel Erfahrung gesammelt habe, gewissenhaft und konzentriert arbeite», sagt Bachmann.

Silvie Bachmann geht für das Schweizerische Rote Kreuz nach Sierra Leone.

Silvie Bachmann geht für das Schweizerische Rote Kreuz nach Sierra Leone.

Alex Spichale

Ständige Kontrollen

Oft werde gleich abgeblockt, auf die Gefahr von Ebola verwiesen und auf Panik gemacht. «Klar sind Bedenken gegenüber Ebola da», sagt Bachmann, fügt dann aber an, dass die Medizin mittlerweile sehr viel mehr über den Ausbruch in Afrika wisse.

Die Angst in der Schweiz sei unbegründet. «Bei uns ist die Wahrscheinlichkeit, angesteckt zu werden, sehr klein», sagt sie.

Das Bundesamt für Gesundheit beobachte die Lage ja genau. Und als ob sie sich selbst auch verteidigen müsste, ergänzt sie: «Vor mir muss nachher auch niemand Angst haben.»

Sie werde nach der Rückkehr von einem Arzt des SRK begleitet. Bereits während des Einsatzes würden ständig Kontrollen durchgeführt.

Nachher gelte es, zweimal pro Tag Fieber zu messen und auf die Symptome zu achten: Fieber, Kopf- und Halsschmerzen – ähnlich wie bei einer Grippe.

«Um ganz sicher zu sein, werde ich nicht zu viel unter die Menschen gehen», sagt sie. Die Inkubationszeit beim EbolaVirus liegt bei zwei bis 21 Tagen. Solange es keine Symptome gebe, werde keine Quarantäne in Betracht gezogen.

Zur Vorbereitung hat sich Bachmann eingehend mit Ebola befasst, Informationen eingeholt, Erfahrungsberichte gelesen und sich auch mit einer Person, die schon vor Ort im Zentrum arbeitete, ausgetauscht. Das habe sie schliesslich auch bestärkt, nach Sierra Leone zu reisen.

Bachmann hatte kurz nach Abschluss ihrer Ausbildung vor zehn Jahren einen allgemeinen Tropenkrankheitenkurs absolviert.

Erfahrung mit schweren Krankheiten kann sie ebenfalls vorweisen: Im Kongo (DRC) hatte sie eine Choleraklinik mit aufgebaut.

Im Südsudan half sie mit, eine Cholera-Impfkampagne durchzuführen. Immer wieder hatte sie mit Tuberkulose-Patienten zu tun.

Beide Krankheiten erfordern wie Ebola erhöhte Hygiene- und Schutzmassnahmen. Bachmann wird Anfang nächstes Jahr – so hofft sie – ihren Master in internationaler Gesundheit am Tropeninstitut in Basel abschliessen können.

Eine Stunde im Schutzanzug

Für Sierra Leone wurden ihr nun in einem zweitägigen Kurs in Genf die Sicherheitsmassnahmen und Abläufe erklärt. Auch vor Ort wird sie instruiert, bevor sie im Hochrisiko-Zentrum arbeitet.

«Angst habe ich nicht vor Ebola, aber Respekt», sagt Bachmann. Das Virus sei bei der Arbeit immer präsent.

Mit den nötigen Schutzmassnahmen gäbe es aber kein grosses Risiko. «Die grösste Gefahr besteht darin, dass ich in einen Verkehrsunfall verwickelt werde», sagt sie. Bei den Rundgängen im Hochrisikobereich seien die medizinischen Fachpersonen immer zu zweit unterwegs.

Gegenseitig würde der Vollschutzanzug kontrolliert. Eine Stunde sei man jeweils damit unterwegs – in der Zone mit den Ebola-Verdachtsfällen oder im weiteren Trakt mit den positiv getesteten, schwer kranken und sterbenden Patienten. Ein längerer Aufenthalt sei wegen des Schwitzens im Ganzkörperanzug nicht möglich. Die Hitze vermindere mit der Zeit auch die Konzentrationsfähigkeit. Ein Tageseinsatz dauert acht Stunden.

Einquartiert ist Bachmann 15 Kilometer vom Zentrum entfernt. Einen Tag in der Woche wird Bachmann frei­haben. Dann will sie versuchen, abzuschalten, die Arbeit kurze Zeit vergessen und vielleicht einen Film schauen, um die schlimmen Bilder zu vergessen.

«Jeder hat seine Strategie, um mit der psychischen Belastung klarzukommen», sagt Bachmann. Trotz stressvoller Situationen erhofft sich Bachmann, mehr über die Menschen, die Kultur und die Bräuche zu erfahren. «Ich glaube, dass die Freude an der Arbeit mit anderen Menschen und die Chance, helfen zu können, mich zu diesem Beruf gebracht haben», sagt sie.

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Kein Angst vor Ausgrenzung

Als grosse Retterin oder Vorkämpferin gesehen werden will sie auf keinen Fall. «Ich bin nur ein kleines Puzzleteil im ganzen Einsatz gegen Ebola», sagt Bachmann.

Sie möchte mithelfen, mehr Berufserfahrung sammeln, fachlich weiterkommen. Zu Hause bleiben und die Totenzahlen dieses grossen Ausbruchs verfolgen, bringe diesen Menschen wenig. Furcht, nach ihrer Rückkehr ausgegrenzt zu werden, hat sie nicht.

Wichtig ist Bachmann, dass vor allem ihre Familie nicht auf irgendeine Weise in Mitleidenschaft gezogen werde. «Ich tue alles dafür, dass sie mit keinen Konsequenzen rechnen muss.»

Mitte Dezember kommt Bachmann zurück. Sie hofft, dass sie dann die Weihnachtstage mit ihren Liebsten geniessen und über die wertvollen Erfahrungen aus Sierra Leone berichten kann.

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