Elisabeth Seifert

Die Forschungsergebnisse sprechen eine klare Sprache und provozieren, zumindest in Deutschland, heftige politische Debatten. Der Zusammenhang nämlich zwischen der Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht und dem Schulübergang, sprich: der Chance, eine gute Ausbildung absolvieren zu können. «Es besteht in Deutschland ein Konsens darüber, dass es sich hier um einen unerwünschten Effekt bei Schulübergängen handelt.»

Das sagte gestern der Münchner Bildungswissenschafter Harmut Ditton an einer Podiumsdiskussion anlässlich der internationalen Tagung «Schulübergang und Selektion» an der Pädagogischen Hochschule der Fachochschule Nordwestschweiz (FHNW) in Solothurn. Der deutsche Bundespräsident Horst Köhler soll gar einmal vom «grössten Skandal in Deutschland» gesprochen haben.

Die unerwünschte Koppelung ist dabei nicht auf unser nördliches Nachbarland beschränkt, sondern lässt sich auch in der Schweiz beobachten. Ein Faktum welches die Pisa--Studie ans Tagelicht gebracht hat und dem sich derzeit ein Forschungsprojekt an der Pädagogischen Hochschule FHNW in Solothurn widmet. Laut Bildungspolitikerin und Zürcher SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr fehlt in der Schweiz aber ein klares Bekenntnis zur Chancengleichheit.

«Es wird vordergründig immer davon geredet, in der Realität wird die Forderung aber in Frage gestellt,» kritisierte Fehr am gestrigen Podium. Und zwar von jenen, die auf der Sonnenseite des Lebens stehen und von dieser Ungleichheit profitieren. «Die Privilegien der Privilegierten aber machen unsere Gesellschaft kaputt.»

Schule steht in der Verantwortung

Ein Fortkommen der Gesellschaft sei nur möglich, so Fehr, wenn wir der Chancengleichheit mehr Raum geben. Das zumal wir in einer höchst heterogenen Gesellschaft leben. Unter dem Begriff versteht die Bildungspolitikerin dabei nicht nur die Unterstüzung schwächerer Schüler, sondern auch die Begabtenförderung.

Das Postulat der Chancengleichheit sei aus ethischen, aber auch aus demokratischen sowie wirtschaftlichen Gründen zentral. «In einer Demokratie darf nicht die soziale Schicht darüber entscheiden, wer was wird.» Und auch unsere kompetitive Wirtschaft sei darauf angewiesen, dass Leistung etwas zählt und nicht die soziale Herkunft.

Die Schule müsse mehr Verantwortung übernehmen, um gleiche Chancen für alle herzustellen - forderten Jacqueline Fehr und der deutsche Bildungsforscher Hartmut Ditton. Fehr: «Je stärker die Schule die Schule den Bildungs- und Erziehungsauftrag ins Elternhaus verlegt, desto ungleicher verteilen sich die Möglichkeiten.»

Die Intervention des Schulsystems sollte dabei sehr früh beginnen, unterstrich auch Urs Vögeli-Mantovani von der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung Aarau: «Ungenügende Sprachkenntnisse in der Kinderzeit haben Folgen für die berufliche Zukunft.» Notwendig seien weiter, ist Jacqueline Fehr überzeugt, «bildungspolitisch aufbereitete» Kindertagesstätten sowie im Anschluss daran Tagesstrukturen an den Schulen.

Individualisierter Unterricht

Einen weiteren Schwerpunkt legten die Diskussionsteilnehmer bei der Ausgestaltung der letzten Volksschuljahre. Urs Vögeli-Montavani beobachtet, dass verschiedene Kantone derzeit das 9. Schuljahr stärker auf die individuellen Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler ausrichten und so den Übergang in die Berufsbildung erleichtern.

Der Solothurner Bildungsdirektor Klaus Fischer orientierte in über die laufenden Bemühungen im Zuge der Solothurner Oberstufenreform. So soll hier künftig ab der 7. Klasse die Berufswahl im Vordergrund stehen. «In der 9. Klasse wollen wir ganz besonders das selbstständige Arbeiten und somit die Neigungen jedes einzelnen Schülers fördern.»