Enthüllungsgeschichte
«Jürg Jegges dunkle Seite» ist ein Ladenhüter

Das Enthüllungsbuch von Missbrauchsopfer Markus Zangger löste einen Medienhype aus. Doch das erhoffte Geschäft liess sich damit nicht machen.

Andreas Maurer
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In seinem Buch "Jürg Jegges dunkle Seite" wirft Markus Zangger dem Pädagogen Jürg Jegge sexuellen Missbrauch vor.

In seinem Buch "Jürg Jegges dunkle Seite" wirft Markus Zangger dem Pädagogen Jürg Jegge sexuellen Missbrauch vor.

Keystone/WALTER BIERI

Markus Zangger entschied sich dafür, die Mitteilung über die PR-Abteilung seines Verlags zu verbreiten. Die Nachricht: Die Zürcher Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren gegen den Pädagogen Jürg Jegge ein. Dieser hatte sexuelle Kontakte mit Minderjährigen in der Zeit von 1972 bis 1986 zugegeben. Die Taten sind verjährt. Die Ermittler befragten Schüler, die in jüngerer Zeit Kontakt mit ihm hatten, fanden aber nichts Strafbares.

Als die Staatsanwaltschaft im Herbst angekündigt hatte, die Einstellung stehe bevor, protestierte Zangger noch. Mittlerweile zeigt er Verständnis. Auf Anfrage sagt er: «Ich möchte Danke sagen: der Staatsanwaltschaft, der Erziehungsdirektion, den Medien und meinem Verlag. Sie alle haben gute Arbeit geleistet.»

«Gute Arbeit» bedeutet in diesem Fall: Zangger erhielt mit seiner Geschichte als Missbrauchsopfer des Musterpädagogen Aufmerksamkeit. Als er sie im Frühling 2017 an einer Medienkonferenz des Zürcher Wörterseh-Verlags publik machte, war das Echo enorm. Die Strategie, dass der Beschuldigte erst im Nachhinein Stellung nehmen konnte, ging auf. Für die juristische Aufarbeitung engagierte Zangger einen Anwalt.

Normalerweise würde man über diesen mitteilen, wenn das juristische Verfahren abgeschlossen wird. Weil in diesem Fall aber alles mit einer PR-Offensive des Verlags begann, ist es naheliegend, auf diesem Weg die Geschichte auch zu beenden. Es ist die letzte Marketingaktion für das Buch «Jürg Jegges dunkle Seite», geschrieben von Zangger und dem Journalisten Hugo Stamm.

Nur 2000 Exemplare verkauft

Verlegerin Gabriella Baumann-von Arx hatte grosse Erwartungen. Sie sagt: «Ich war sicher, dass das Buch die Leute interessieren würde, und ich hoffte, dass es sie auch aufrütteln würde.» Sie rechnete damit, dass viele Leser von Jegges Standardwerk «Dummheit ist lernbar» auch die «dunkle Seite» im Regal haben wollten. Jegges Bestseller wurde mehr als 200 000 Mal verkauft.

Zanggers Buch hingegen ging bloss 2000 Mal über den Ladentisch, wie Baumann auf Anfrage angibt. Sie liess über 10 000 Stück drucken und belieferte die Buchhandlungen mit 5000 Exemplaren. Diese haben die Mehrheit mittlerweile retourniert. Selbst für einen kleinen Verlag sind die Zahlen enttäuschend. Ein durchschnittliches Wörterseh-Buch verkaufe sich 5000 bis 6000 Mal.

Offenbar genügte es den allermeisten Leuten, Zanggers Geschichte in den Medien zu verfolgen. Der Medienhype löste nicht den Wunsch aus, das Original zu lesen. Baumann mutmasst: «Das Opfer ist männlich und fast 60. Ich habe das Gefühl, dass das Buch einer jungen Frau auf mehr Interesse gestossen wäre.»

Die Verlegerin sagt, die «schlechten Verkaufszahlen» täten ihr leid für Zangger und Stamm. Die Autoren erhalten fast keine Tantiemen. Auch für den Verlag dürfte es ein Verlustgeschäft sein. Dieser habe «extrem viel investiert», es sei intensiv lektoriert und juristisch überprüft worden.

Obwohl Zanggers Buch nur knapp einen Hundertstel von Jegges Verkaufszahlen erreicht, stiehlt es diesem die Show. Der Berner Zytglogge-Verlag, der die lernbare Dummheit vertrieben hatte, nahm das Werk aus dem Verkauf. Bevor Zangger seine Geschichte publik machte, hatte er von Jegge 30 000 Franken Genugtuung und eine Beteiligung von 20 000 Franken an den Urheberrechten gefordert, weil einige seiner Schüleraufsätze abgedruckt waren. Jegge ging nicht darauf ein. Nun ist sein Bestseller nur noch in Antiquariaten erhältlich.