Sexueller Missbrauch
Jürg Jegge hatte einen gleichgesinnten Unterstützer im Volksschulamt

Der Kaderbeamte, der den pädophilen Lehrer Jürg Jegge deckte, ist selber einem Lehrling zu nahe gekommen.

Andreas Maurer
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Der Sonderschullehrer Jürg Jegge muss nicht vor Gericht: Das Verfahren gegen ihn soll eingestellt werden. Die Vorwürfe sind verjährt. (Archiv)
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Aufarbeitung Jürg Jegge
An einer Pressekonferenz wurde der Untersuchungsbericht der Zürcher Bildungsdirektion vorgestellt. Dieser stellt den damaligen Behörden ein durchzogenes Zeugnis aus.
Rechtsanwalt Michael Budliger an der Medienkonferenz.
Die Zürcher Regierungsrätin Silvia Steiner an der Medienkonferenz.
Markus Zangger, Autor des Buches "Jürg Jegges dunkle Seite" an der Medienkonferenz. Resultate der Aufarbeitung des Falls Jegge in Zuerich am Donnerstag, 28. Juni 2018. KEYSTONE/Walter Bieri)
Sie machten die Missbrauchsvorwürfe am Pädagogen Jürg Jegge publik: der ehemalige Sonderschüler Markus Zangger (links) und der Journalist Hugo Stamm.
Pädagoge Jürg Jegge soll sexuellen Missbrauch begangen haben, erklärte Journalist Hugo Stamm.
Pädagoge Jürg Jegge soll Schüler sexuell missbraucht haben, so der Vorwurf von Opfer Markus Zangger (im Bild).

Der Sonderschullehrer Jürg Jegge muss nicht vor Gericht: Das Verfahren gegen ihn soll eingestellt werden. Die Vorwürfe sind verjährt. (Archiv)

Landbote Enzo Loapardo

Als der Skandal um Jürg Jegge vor einem Jahr aufflog, waren alle überrascht. Doch warnende Stimmen gab es schon vor fünfzig Jahren. Nur hörte niemand hin. Das zeigt die politische Aufarbeitung des Falls.

Nachdem Missbrauchsopfer Markus Zangger im April 2017 publik gemacht hatte, dass er und andere Schüler jahrelang von ihrem Lehrer sexuell missbraucht worden waren, eröffnete die Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren. Doch sie stellte fest, dass alle Straftaten verjährt waren.

Die Zürcher Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP), die vor ihrem Amtsantritt Staatsanwältin war, sagt: «Das entlässt uns nicht aus unserer politischen Verantwortung.» Deshalb investierte sie 100'000 Franken in einen 90-seitigen Bericht. Anwalt Michael Budliger arbeitete sich mit der Unterstützung der Historikerin Monika Gisler durch alte Protokolle von Regierungsräten, Bildungsbeamten und Schulpflegern.

Die externen Ermittler stiessen immer wieder auf den Namen eines prominenten Beamten: Gerhard Keller, Leiter der Abteilung Volksschule während 28 Jahren. Er war der Kantonsbeamte, der Jegge beaufsichtigt und ein verhängnisvolles Sondersetting beantragt hatte. Er setzte beim damaligen Regierungsrat Alfred Gilgen (LdU) durch, dass Jegge sechs Sonderschüler bei sich zu Hause unterrichten durfte. Das sorgte für Kritik. Die Primarschulpflege Oberembrach schickte 1978 ein geharnischtes Schreiben an die Zürcher Regierung. Sie kritisierte Dreierlei: den geplanten Schulversuch, Jegges Unterrichtsmethoden sowie Kellers kritiklose Haltung gegenüber Jegge. Regierungsrat Gilgen ordnete darauf eine Aussprache an.

Der Vorwurf der Dummheit

Keller war ein Bewunderer von Jegge und ein Fan seines Bestsellers «Dummheit ist lernbar». Vor der Sitzung verteidigte er Jegge, indem er die Intelligenz der Schulpfleger in einer Stellungnahme infrage stellte: «Bei uns ist Dummheit nicht lernbar, bei der Schulpflege auch nicht. Mit so viel Dummheit muss man geboren sein.» Nach der Sitzung notierte der inzwischen verstorbene Regierungsrat auf das Protestschreiben der Schulpfleger eine handschriftliche Bemerkung: «Keine Antwort mehr nötig».

Schon in den Jahren zuvor intervenierten Schulpfleger mehrmals beim Kanton. Sie kritisierten, dass bei Jegge die Vermittlung des Schulstoffes zu kurz komme. Eine Frau, die im Bericht anonymisiert wird, verlangte von Jegge, dass er nicht nur Psychologe der Kinder sein solle, sondern vor allem deren Lehrer. Nach weiteren Schulbesuchen von anderen Personen wurden ähnliche Missstände moniert: In Jegges Schülergruppen herrschten offenbar chaotische Zustände, wobei der Lehrer oft nicht einmal anwesend war. Nach der Publikation seines Bestsellers häuften sich seine Abwesenheiten. Und kein einziger seiner Schüler schaffte den geplanten Wechsel von der Sonder- in die Regelklasse.

Als Keller wiederholt mit Kritik aus der Gemeinde konfrontiert wurde, verschaffte er seinem Ärger Luft, indem er sich in einer Aktennotiz des Stilmittels des Sarkasmus bediente. Er schrieb: «Ich bin ‹gerne› bereit, auch noch zum dritten Mal Nachforschungen zu machen, wenn gewünscht kann ich auch das FBI einschalten. Man könnte aber auch einmal die pädagogischen Ideen von Jegge diskutieren.»

Die Nähe des Amtschefs

Nicht im Bericht steht, dass Keller, der gleich alt ist wie Jegge, ebenfalls ein zu nahes Verhältnis zu einem seiner Schützlinge pflegte. 1992 liess er einen seiner Lehrlinge bei sich übernachten und weckte diesen am Morgen. Der Amtschef tauchte im Morgenmantel am Bett auf und massierte den Nacken des 18-Jährigen, der nur einen Slip trug. Vor Gericht stritt Keller die Handlung nicht ab. Er gab an, den Lehrling massiert zu haben, um dessen verspannte Muskulatur zu lockern. Jegge argumentierte später ähnlich und erklärte seine sexuellen Übergriffe als Lockerungsübungen. Keller war vor Gericht aber erfolgreich. Die Rückenmassage habe zwar die Persönlichkeitsrechte des Lehrlings verletzt, stelle aber keine sexuelle Handlung dar, hiess es im Freispruch.

Keller führt heute ein Geschäft, das Schulen und Behörden berät. Er will sich auf Anfrage nicht äussern, da die Vorgänge zu lange her seien. Er liess sich aber von Anwalt Budliger einvernehmen und konnte diesen dabei überzeugen, dass er nichts von Jegges sexuellen Übergriffen gewusst habe.

Bildungsdirektorin Steiner sagt: «Jegge war ein Vorzeigepädagoge. Man schaute zu ihm hoch. Viele, auch in der Erziehungsdirektion, bewunderten, ihn.» Das System als Ganzes habe aber nicht versagt, da in anderen Missbrauchsfällen interveniert worden sei. Man habe nicht gewusst, was sich hinter Jegges Türen abgespielt habe. Steiner sieht den Fehler ihrer Vorgänger und der Behörden darin, dass sie Jegge zu grosse Freiräume gewährt hätten.