Asylwesen
Jungen Migranten fehlt in der Schweiz der Durchblick – wegen der Behörden

Die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände hat zum ersten Mal in einer Studie die behördlichen Defizite im Umgang mit jungen Migranten erfasst. Vor allem der fehlende Einbezug in die Politik wird kritisiert.

Rinaldo Tibolla
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«Kindermigranten» werden von Behörden oft überfordert.

«Kindermigranten» werden von Behörden oft überfordert.

Annika Buetschi / AZ

Die Schweiz hat einen «grossen Nachholbedarf», was den Einbezug und die Integrationsmöglichkeiten junger Migranten betrifft. Dieses Fazit zieht die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände (SAJV) in ihrer Studie «Partizipation der Kindermigrant/innen in der Schweiz». In Befragungen von verschiedenen jungen Migranten – Asylsuchende, Secondos, vorläufig Aufgenommene, Ausländer mit B- oder C-Bewilligungen und Sans-Papiers im Alter zwischen 12 und 18 Jahren – haben sich folgende «Problemfelder» herauskristallisiert:

Beschränkter Zugang zu Förderprogrammen: Nicht alle «Kindermigranten» erhalten Zugang zu Ausbildungsmöglichkeiten, Integrations- und Sprachprogrammen – dies aufgrund ihres Aufenthaltstitels. Asylsuchende mit einer N-Bewilligung, welche auf einen Entscheid warten, sind von Fördergeldern ausgenommen. «Gerade bei Minderjährigen, die sich schon lange hier aufhalten, kann dies weitreichendere Folgen haben als bei Erwachsenen», sagt Studienautorin Georgiana Ursprung, Projektleiterin «Speak out!» der SAJV. Zusätzlich zur Schmälerung ihrer zukünftigen Chancen fehle den jungen Asylsuchenden dadurch nur schon eine sinnvolle Beschäftigung.

Fehlende behördliche Sensibilität: Viele Jugendliche im Asylprozess hätten sich darüber beklagt, dass ihnen die Migrationsbehörden den Ablauf, die anstehenden Entscheide und die Folgen daraus ungenügend erläutern. «Viele haben den Durchblick nicht, welche Aufenthaltsstatus es in der Schweiz gibt», sagt Ursprung. Die Behörden seien zu wenig darauf sensibilisiert, dass es sich um Jugendliche handle und die Kommunikation entsprechend angepasst werden sollte.

Keine professionellen Ansprechpersonen: Laut Studie wünschen sich die Jugendlichen, dass schon bei der Ankunft professionelle, ausserfamiliäre Ansprechpersonen zur Verfügung gestellt werden, mit denen sie über ihre Situation reden und Unterstützung erhalten können. Diese Art «Coach» müsse eine Vertrauensperson sein, die nicht von den Behörden selbst, sondern von einer unabhängigen Stelle angeboten werde. «Zwar gibt es bei den unbegleiteten minderjährigen Asylbewerbern schon Bezugspersonen, aber auch nicht flächendeckend. Wünschenswert wären aber Coachs für alle Kindermigranten», sagt Ursprung.

Ungenügende Einbindung in politische Prozesse: Gerade auf Bundesebene ist die Jugendpartizipation laut Studie ungenügend. Bei Entscheidungsprozessen, die schliesslich die Jugendlichen direkt betreffen, würden diese nicht angehört. «Je prekärer die rechtliche Situation von jungen Migranten in der Schweiz ist, desto betroffener sind sie von Behördenentscheiden», sagt Ursprung. Umso wichtiger sei es deshalb, dass diese Jugendlichen ihre Stimme in die politischen Debatten und Entscheide einbringen könnten.

Wie die SAJV mitteilte, stehe das Recht auf Partizipation nach der Kinderrechtskonvention allen Minderjährigen zu – unabhängig von ihrem Aufenthaltstitel. Wie Ursprung erklärte, will sich die Arbeitsgruppe nun mit den Resultaten der Studie an das Staatssekretariat für Migration wenden.

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