Praxensterben
Junge Mediziner finden den Hausarzt-Beruf uncool – er fand Lösung für seine Praxis

Hausarzt Rudolf Ebnöther sieht in der Gemeinschaftspraxis das Modell der Zukunft. Wenn sich Allgemeinpraktiker zusammentun ermöglicht das auch Teilzeitpensen, womit auch mehr Frauen als Hausärzte gewonnen werden könnten.

Anna Wanner
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Hausarzt Dr. Rudolf Ebnöther aus Berikon.

Hausarzt Dr. Rudolf Ebnöther aus Berikon.

Emanuel Freudiger

Er gehört zu den wenigen Glücklichen. Nicht, weil er unlängst das Pensionsalter erreicht hat und sich nun zurücklehnen könnte. Nein. Daran denkt Hausarzt Rudolf Ebnöther vorerst nicht. Er ist glücklich, weil er eine Nachfolgelösung für seine Praxis gefunden hat. «Ich bin müde und halte mit dem hohen Rhythmus nicht mehr mit», sagt der 65-Jährige, der um sechs Uhr in der Praxis eintrifft, um Berichte zu schreiben. Um sieben Uhr empfängt er den ersten Patienten. Dann reiht sich ein Termin an den anderen. Über Mittag geht Ebnöther joggen. Dann empfängt er weitere Patienten, bis er abends um halb acht die Lichter löscht.

Ebnöther weiss: «Es ist die Präsenzzeit eines Hausarztes, die viele junge Ärzte abschreckt.» Wer als Spezialist arbeitet, besuche Kongresse, verreise in die Ferien – alles ohne Bedenken. «Wenn ich drei Tage ausfalle, muss ich die Praxis organisieren. Sonst fällt der Service für die Patienten aus.» Seit der Notfall über die naheliegenden Spitäler organisiert ist, müsse er immerhin abends nicht mehr ausrücken. Trotzdem: Die Arbeitszeiten sind fix. Die Termine bis auf drei Tage ausgebucht. Spielraum gibt es wenig. «In seltenen Fällen müssen wir Patienten abweisen, weil unsere Agenden voll sind.» Nur dank des neuen Praxis-Partners kann sich der 65-Jährige den Mittwochnachmittag und den Freitag freinehmen.

Abgesehen davon, dass allgemein zu wenig Ärzte ausgebildet werden, entscheiden sich kaum drei von zehn Studienabgängern für die Vertiefung Allgemeinpraktiker. Ebnöther beobachtet die Entwicklung im eigenen Umfeld. «Auf die ausgeschriebenen Praxen meldet sich niemand.» Denn viele Altersgenossen verpassen den Ausstieg, «wursteln» lieber für sich, statt neue Wege zu gehen. Zwei Studienkollegen hätten ihre Praxis schliessen müssen. Ebnöther sagt: «Sie haben sie an die Wand gefahren.»

Teilpensen attraktiv für Frauen

Er selbst hat einen jungen Arzt in seiner Praxis aufgenommen. Mit sechs weiteren Kollegen baut er nun eine Gemeinschaftspraxis auf. Acht Allgemeinpraktiker teilen sich 700 Stellenprozente. Sie werden flankiert von einem Kardiologen, einem Ohren-, Nasen- und Halsspezialisten, einem Kinderarzt und einem Urologen. «Das ist die Zukunft der Hausarztmedizin», gibt sich Ebnöther überzeugt. Mit Teilzeitpensen können nicht nur mehr Frauen als Hausärzte gewonnen werden – 56 Prozent der Studienabgänger sind weiblich. Auch müssen junge Ärzte in einer Gemeinschaftspraxis kein finanzielles Risiko mehr eingehen. «Zu meiner Zeit musste jeder angehende Hausarzt 500 000 Franken investieren.» Die Banken hätten damals bezahlt. «Heute sind sie mit der Kreditvergabe zurückhaltender.»

Für Patienten stellt sich die Frage, ob sie in Gemeinschaftspraxen dieselben Leistungen erhalten. Wenn es also in den Aargauer Gemeinden Berikon, Widen, Oberwil und Rudolfstetten anstatt je ein bis zwei Hausärzte nur noch eine Gruppenpraxis für alle 20 000 Einwohner gibt, ändert sich zumindest der Weg. Darauf entgegnet Ebnöther, der Distanz werde zu viel Gewicht beigemessen. «Ob Patienten 300 Meter oder zwei Kilometer fahren, macht keinen Unterschied.» Die meisten kämen sowieso mit dem Auto. Denn der Weg in seine Praxis führt bergab. Der Höhenunterschied sei mit einem Rollator nicht zu überwinden, sagt Ebnöther, der auch Patienten aus dem Altersheim betreut.

Trotz flexiblerer Arbeitsbedingungen verschärft sich der Hausarztmangel, sobald Ebnöther und seine Altersgenossen in Pension gehen – schätzungsweise die Hälfte aller Hausärzte sind in zehn Jahren 65 und älter.

Anreize aus der Politik

Um mehr Junge in den Beruf zu locken, erliess der Bundesrat Massnahmen. So erhöhte er Labortarife, damit Ärzte ihre eigenen Labore profitabel führen können. Und er schraubte an den Taxpunktwerten, was den Hausärzten ein höheres Einkommen beschert. Auch deswegen befürwortet Ebnöther den Gegenvorschlag zur Hausarzt-Initiative, über den am 18. Mai abgestimmt wird. Zwingend sei vor allem der durch die Initiative provozierte Wandel in der Lehre. «Als Student lernt man nur Spezialfälle kennen.» Weder ein roter Hals noch eine laufende Nase oder Rückenweh wirke da besonders spannend. Die seltenen Fälle faszinieren, das sei klar. Gleichzeitig werde kaum ein Wort über die interessanten Seiten des Hausarztberufs verloren: die soziale Nähe, die Gespräche, das Verfolgen von Krankengeschichten, das Wohlergehen von Familien und Bekannten.

Mit diesen Argumenten konnte Ebnöther allerdings selbst seine eigenen Kinder nicht überzeugen. Drei von vier meldeten sich für ein Medizinstudium an, eines wählte Physiotherapie. Hausarzt wird keines, sondern Dermatologe, Kardiologe und Orthopäde.

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