Wahlen 2015

Junge drängen in den Ständerat: Erhält die kleine Kammer Blutauffrischung?

Grau dominiert: 55 Jahre beträgt das Durchschnittsalter im Ständerat. Keystone

Grau dominiert: 55 Jahre beträgt das Durchschnittsalter im Ständerat. Keystone

Die kleine Kammer ist für viele Politiker die Krönung der Ochsentour. Doch nicht immer. Dass es durchaus Ausnahmen gibt, zeigen die Kandidaturen von Damian Müller und Claudine Esseiva. Beide sind FDPler und relativ jung.

Damian Müller und Claudine Esseiva wollen beide für die FDP in den Ständerat: Ihre Kantonalparteien Luzern und Bern haben sie nominiert. Und auch sonst haben Müller und Esseiva einige Gemeinsamkeiten: Mit 30 respektive 35 Jahren liegt ihr Alter weit unter dem Durchschnitt im Stöckli (55 Jahre). Ihr politischer Rucksack ist im Vergleich zu den amtierenden Ständeräten eher leicht: Immerhin 16 ehemalige Regierungsräte und 15 ehemalige Nationalräte politisieren in der kleinen Kammer. Die Wahl in den Ständerat gilt als Krönung einer politischen Karriere. Sie wird (normalerweise) nur gestandenen Kantonal- oder Bundespolitikern gegönnt. Und eben solche haben Müller und Esseiva in der parteiinternen Ausmarchung ausgestochen.

Steht die Schweiz vor einer Zeitenwende? Mitnichten. Zwischen den Kandidaturen gibt es einen gewaltigen Unterschied – und doch sind sie nicht untypisch für das Politsystem.

Viel Gratiswerbung

Claudine Esseiva, bekannt als Generalsekretärin der FDP-Frauen und liberale Feministin, hat im Ständeratswahlkampf nichts zu verlieren. Ihre Wahlchancen tendieren gegen null – das wissen sie und ihre Partei. Die FDP hat ihren traditionellen Ständeratssitz 2003 verloren, und bei den letzten eidgenössischen Wahlen sank ihr Wähleranteil auf 8,7 Prozent.

Die FDP agiert im Kanton Bern wie jede andere Kleinpartei. Die Wahlen in die kleine Kammer dienen als Katalysator für die Nationalratswahlen. «Die Medien fokussieren im Wahlkampf stark auf den Ständerat, weil es eine Majorzwahl ist und sich die bekanntesten Schlachtrösser gegenüberstehen», sagt Politikberater Mark Balsiger, «eine Ständeratskandidatur bedeutet viel Gratiswerbung.» Sie bringe den Parteien Beachtung und gleichzeitig geben ihnen die Kandidaten ein Gesicht. Sie sind also das ideale Mittel, um Nationalratssitze abzusichern oder zu gewinnen.

In dieses Schema passt, dass die 31-jährige Nationalrätin Aline Trede nur allzu gerne in den Kampf um den Berner Ständeratssitz gestiegen wäre, parteiintern aber das Nachsehen hatte. Oder die Ankündigung der Aargauer Kantonspolitikerin Irène Kälin. Die 28-Jährige liess in der «Schweiz am Sonntag» verlauten, dass sie Spass hätte an einer Ständeratskandidatur.

Palastrevolte in Luzern

Damian Müller hingegen muss gewinnen. Der 30-Jährige wurde von den Delegierten nominiert, um den traditionellen FDP-Sitz von Ständerat Georges Theiler zu verteidigen. Müller setzte sich gegen Nationalrat und Kantonalpräsident Peter Schilliger durch. Seine Nomination war derart deutlich, dass es sich eher um eine Palastrevolte denn um einen Betriebsunfall handelte. Schilliger habe seinen Gegenkandidaten unterschätzt und denjenigen Stimmen aus der Partei zu wenig Gehör geschenkt, die meinten, er sei etwas gar einfach zu seinen Mandaten gekommen, analysierte die «Neue Luzerner Zeitung.»

Damian Müller personifiziert das Gegenteil des altgedienten Ständerates. Doch er sieht das Amt auch nicht als Abschluss einer Politkarriere: «Ich will ein Aktivposten sein. Nicht das Alter oder das Geschlecht sind massgebend, sondern das Engagement und das Herzblut.» Zudem sei seine Generation definitiv untervertreten. Müller, der 2011 in den Kantonsrat gewählt wurde, hatte sich seine Kandidatur wohl überlegt. Er orientierte sich an Beispielen anderer Jungpolitiker.

Die ergrauten Ständeräte sind zwar in der Mehrheit, doch es gibt Ausnahmen. Die Aargauer wählten Pascale Bruderer mit 34 Jahren in die kleine Kammer. Sie hatte zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits acht Jahre als Nationalrätin hinter sich. Eher vergleichen lässt sich Müller mit Raphaël Comte. Der Neuenburger wurde 2010 ins Stöckli gewählt. Auch er setzte sich als Aussenseiter in der parteiinternen Ausmarchung durch. Und auch Comte war erst 30 Jahre alt: Er studierte noch und wohnte bei Mama. Nun wird Raphaël Comte 2015 voraussichtlich zum Ratspräsidenten gewählt. Nur unwesentlich älter als Comte und politisch ebenfalls eher ein unbeschriebenes Blatt war Alain Berset bei seiner Wahl in den Ständerat 2003. Und auch der Appenzeller Carlo Schmid wurde 1980 im zarten Alter von 30 Jahren Ständerat.

Ob Damian Müller sich ebenfalls in diese illustre Reihe einreihen wird? Ans Scheitern will er nicht denken. Schliesslich wird er bereits «JFK aus dem Seetal» genannt.

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