Die Nachricht gab fast nicht zu reden: Von sich aus informierte die Genfer SVP-Nationalrätin Céline Amaudruz am Dienstag die Öffentlichkeit, dass sie betrunken Auto gefahren und in eine Polizeikontrolle geraten sei.

Auf dem Heimweg von einem Pferderennen wurde sie vor zwei Wochen gestoppt. Wie viel Alkohol Amaudruz im Blut hatte, teilte sie mit dem Hinweis auf ihre Privatsphäre nicht mit. Stattdessen hielt sie fest, dass sie ihr Verhalten bereue und sich bei ihrem Umfeld und der Parteileitung entschuldigt habe. Und Amaudruz lobte die Polizei: Die Beamten hätten sehr menschlich reagiert und ihre Persönlichkeit sowie ihre Rechte vollumfänglich respektiert.

Die Öffentlichkeit nahm kaum Notiz von der Blaufahrt der Vizepräsidentin der SVP Schweiz. Die offensive Kommunikation hätte ein Lehrbuchbeispiel für Krisenbewältigung werden können. Wenn Amaudruz nicht noch festgehalten hätte, sie fordere keinerlei Vorzugsbehandlung – eine Selbstverständlichkeit würde man annehmen.

Ein Moment tiefer Verzweiflung

Das kam bei der Genfer Polizei offensichtlich nicht gut an. Die Westschweizer Tageszeitung «Le Temps» lieferte gestern (genüsslich) eine etwas differenziertere Version der Geschichte – gestützt auf Polizeiquellen.

Demnach hatte ein Taxifahrer die Polizei über ein zickzackfahrendes Auto informiert. Als Amaudruz gestoppt wurde, weigerte sie sich zunächst, einen Alkoholtest zu machen. Stattdessen teilte sie den Ordnungshütern mit, sie werde den Genfer Generalstaatsanwalt Olivier Jornod anrufen. Dieser nahm jedoch nicht ab und Amaudruz gab ihren Widerstand auf.

1,92 Promille Alkohol hatte Amaudruz im Blut. Dieser Wert ist vier Mal höher als gesetzlich erlaubt und entspricht etwa dem Konsum einer Flasche Rotwein plus einer halben Flasche Weisswein plus einem Glas Rum.

Auf dem Polizeiposten telefonierte Amaudruz zunächst mit ihrem Anwalt, dem Genfer FDP-Nationalrat Christian Lüscher. Und danach mit «ihrem» Bundesrat – Verteidigungsminister Guy Parmelin.

Gemäss «Le Temps» habe dieser Amaudruz «in Panik» erlebt. Parmelin sprach zunächst mit den Polizisten und dann wieder mit seiner Parteikollegin, um sie zu beruhigen und ihr zu sagen, sie solle kooperieren. Was sie schliesslich tat. Weshalb Amaudruz Parmelin angerufen hat?

Dazu sagt ihr Anwalt Lüscher: «In einem Moment tiefer Verzweiflung hat sie Halt bei einem ihrer sehr nahen Freunde gesucht.» Sie habe nicht einen Bundesrat angerufen, sondern einen nahen Freund, um moralische Unterstützung zu erhalten. Lüscher sagt, Amaudruz habe eine «grosse Dummheit» begangen und sie akzeptiere die Strafe – auch die mediale. Amaudruz selbst war gestern für die «Nordwestschweiz» nicht erreichbar.

Sie suchte die Krawatte aus

Parmelin und Amaudruz – die beiden haben tatsächlich einen direkten Draht zueinander. Amaudruz war wesentlich an der Wahl des SVP-Politikers in den Bundesrat vor einem Jahr beteiligt.

Die Nationalrätin managte seinen Wahlkampf. Als die Deutschschweizer noch über Parmelins Kandidatur lachten, weil sie einen dritten Bundesratssitz für die Romandie für unmöglich hielten, machte Amaudruz einen geschickten Schachzug. Die Genferin präsentierte den Waadtländer Parmelin konsequent als Kandidaten des dynamischen und wirtschaftsstarken «Arc lémanique» – auch wenn seine bäuerliche Herkunft damit kontrastierte.

Und sie bereitete in Bern das Terrain vor: Sie konnte den Parteioberen erfolgreich klarmachen, dass die SVP in der Westschweiz nur wachsen könne, wenn sie einen Bundesrat stelle. Dank diesem Schritt könne die SVP in der Romandie ihr Stigma loswerden. Die Argumentation verfing.

Amaudruz überliess im Wahlkampf nichts dem Zufall. Zusammen mit einem Team übte sie mit Parmelin die Hearings vor den Fraktionen und Gespräche mit Journalisten. Und wie wir seit alt SVP-Nationalrat Yvan Perrins Publikation «Die andere Lektüre der Wahl Guy Parmelins» wissen, las Amaudruz bei den wichtigen Auftritten die Krawatte aus – nicht etwa Madame Parmelin.

Als der Waadtländer schliesslich gewählt wurde, gehörte Amaudruz zu den ersten Gratulanten und selbstverständlich sass sie beim anschliessenden Fraktionsessen am selben Tisch wie der frischgebackene Magistrat.

Bundesrat Parmelin – das ist so etwas wie das Gesellenstück der Politikerin Céline Amaudruz. Und der direkte Draht zu einem Bundesrat bringt auch mehr Einfluss. Da erscheint der Aufstieg der einstigen Fraktionsvizepräsidentin zur Vizepräsidentin der SVP Schweiz im März nur logisch.

Jung, urban und weiblich

Ob ihr die Alkohol-Geschichte nun schadet? Kaum. Die Partei spricht ihr das Vertrauen aus. Ohnehin mangelt es der SVP in der Westschweiz an starken Köpfen. Sie hat zwar nun einen Bundesrat und mit Oskar Freysinger im Wallis auch einen Staatsrat.

Doch die starken Figuren fehlen, um das Wählerpotenzial besser auszuschöpfen. Céline Amaudruz ist zudem als junge, urbane Frau ein Glücksfall für die Partei der älteren Männer.