Gewalt
Jung, männlich, brutal – wenn Zivilcourage im Spital endet

Nach jahrelangem Rückgang breitet sich eine neue Form der Jugendgewalt aus: Junge Erwachsene suchen den Kick nicht mehr mit Drogen und Alkohol, sondern mit Schlägereien. Wer helfen will, wird selbst zum Opfer. Was bedeutet das für die Zivilcourage?

Yannick Nock
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Angriffe auf Helfer, Frauen und Jugendliche – die schlimmsten Fälle 2018
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Jagdszenen mitten in Zürich: Vor dem Cup-Halbfinalspiel zwischen dem FCZ und GC im Februar gehen rivalisierende Fussballfans beim Primetower aufeinander los. GC-Anhänger werden am Boden liegend mit Füssen gegen den Kopf getreten. Videokameras halten die wüsten Szenen fest.
Übergriffe auf Frauen haben deutlich zugenommen. Der vielleicht krasseste Fall ereignete sich diesen August in Genf: Fünf Frauen werden von einer Gruppe junger Männer um 5 Uhr morgens vor einem Club zusammengeschlagen. Eine der Frauen liegt daraufhin mehrere Tage im Koma.
Seine Zivilcourage endet im Spital: Am Wochenende will ein 28-Jähriger in Baden eine Frau vor einer Gruppe Männer beschützen. Doch sein Mut wird nicht belohnt. Die 16- bis 20-Jährigen schlagen den Mann spitalreif. Die Täter sind noch nicht gefasst. Die Polizei sucht Zeugen der Tat.
Als Sanitäter im August am Zürcher Seebecken einem schwer verletzten Teenager helfen wollen, werden sie von Vermummten attackiert. Dutzende Mitläufer solidarisieren sich mit den Angreifern. Die Polizei muss Gummischrot und Tränengas einsetzen. Politiker fordern nun härtere Strafen.
Retter und Sanitäter leben gefährlich. Das einst eherne Gesetz, Helfer nicht anzugreifen, hat seine Gültigkeit verloren. Gemäss neusten Zahlen werden Rettungskräfte in Zürich fast täglich angegangen. Auch Angriffe auf Spitalpersonal haben zugenommen, wie das Inselspital Bern vermeldet.

Angriffe auf Helfer, Frauen und Jugendliche – die schlimmsten Fälle 2018

KEYSTONE

Die italienische Journalistin Franca Magnani umschrieb die gesellschaftliche Tragweite vielleicht am schönsten: «Je mehr Bürger mit Zivilcourage ein Land hat, desto weniger Helden wird es einmal brauchen». Noch braucht die Schweiz allerdings ihre Helden, denn die Zivilcourage steht unter Beschuss. Wer anderen helfen will, wird heute schnell selbst zum Opfer – so wie am vergangenen Wochenende im Stadtzentrum von Baden AG.

Ein 28-jähriger Mann machte sich kurz nach Mitternacht auf den Heimweg als er beobachtete, wie eine Gruppe aus 16- bis 20-jährigen Männern eine Frau schlugen. Der 28-Jährige griff ein, fragte die Frau, ob alles in Ordnung sei – und wurde von der Gruppe zusammengeschlagen. Mit Faustschlägen ins Gesicht. Mit Fusstritten, als er am Boden lag. Die Zivilcourage endete für ihn im Spital.

Für den Zürcher Psychotherapeuten ist das kein Zufall. Seit über 30 Jahren behandelt er auffällige Kinder und Jugendliche und war unter anderem als Chefpsychologe für die Schweizer Armee tätig. Für Hof ist klar: «Wir erleben eine neue Form der Gewalt.» Seien Jugendliche früher oft nur gewalttätig geworden, wenn sie provoziert oder angegriffen wurden, sei das heute anders. «Sie wollen sich prügeln und suchen die Konfrontation.» Die Hemmung, zuzuschlagen – selbst ins Gesicht – habe abgenommen. Hof geht deshalb davon aus, dass die Jugendgewalt wieder steigen wird. Neuste Zahlen aus den Kantonen untermauern seine Befürchtung.

Prügelei gibt den Kick

Dabei war die Jugendgewalt dank Präventionsmassnahmen und Integration von Migranten lange rückläufig. Während Mitte der 2000er-Jahre eine Schreckensmeldung die nächste jag- te – samt unrühmlichen Höhepunkt 2010 als über 10 000 Jugendliche wegen Strafdelikten verurteilt wurden – sank die Kurve bis 2015 deutlich und blieb tief. Die Schlagzeilen änderten sich in wenigen Jahren von «Müssen jetzt auch Jugendliche verwahrt werden?» zu «So brav war die Schweizer Jugend noch nie». Es schien als seien die Jungen von einem Extrem ins nächste gekippt, denn auch der Alkohol- und Drogenkonsum nahm deutlich ab.

Nun folgt allerdings die Gegenreaktion auf die Folgsamkeit. Die Dynamik in den Jugendgruppen habe sich geändert, sagt Hof. Viele junge Erwachsene hätten kein Interesse mehr, nächtelang in einer Disco zu tanzen oder anderswo zu feiern. Zudem habe der Drogenkonsum seinen Reiz verloren. «War es früher cool, zu kiffen, gilt man heute als Verlierer.» Hof erkennt eine Trendwende: «Jugendliche suchen heute den Kick mit Schlägereien, nicht mehr mit Drogen oder Alkohol.» Egal ob in Klubs, auf der Strasse oder vor Sportstadien: Geprügelt wird überall.

Kein Respekt in der Schweiz

Rettungskräfte in Zürich werden gemäss neusten Zahlen fast täglich angegangen, das Sicherheitspersonal im Inselspital Bern muss in diesem Jahr doppelt so oft gegen pöbelnde Patienten einschreiten wie 2017 und Polizisten aus verschieden Kantonen berichten von zahlreichen Übergriffen. Oft sind dabei junge Erwachsene die Täter. Unvergessen ein Vorfall im August: Als Sanitäter am Zürcher Seebecken einem schwer verletzten Teenager helfen wollten, wurden sie von Vermummten attackiert. Dutzende Mitläufer solidarisierten sich mit den Angreifern. Die Polizei musste Gummischrot, Tränengas und Wasserwerfer einsetzen, damit sie überhaupt zu den Verletzten vordringen konnte. Mittendrin: junge Fussball-Hooligans.

«Der Respekt gegenüber Polizisten ist in der Schweiz tiefer als in anderen europäischen Ländern», sagt Jugendpsychologe Allan Guggenbühl. Besonders junge Männer in Gruppen würden die Beamten nicht ernst nehmen und öfter ausfällig. «Das ist ein grosses Problem.» Wer keinen Respekt vor Polizisten habe, habe auch keinen vor zivilen Helfern – mit Folgen für die Gesellschaft. Was wird aus der Zivilcourage, wenn Helfer zu Opfern werden?

So helfen Sie am besten

Die Polizei rät, erst den Notruf zu wählen und zu warten. Doch es gibt Grundsatzregeln: Zunächst muss die Situation überprüft werden. Ist es eine Notsituation? Streitet sich da nicht nur ein Pärchen? Wichtig ist dann, Verantwortung zu übernehm und klare Ansagen zu machen: «Sie in dem roten Pullover, kommen Sie mit.» Sonst wird sich jeder auf den anderen verlassen und niemand hilft. Am besten als Gruppe hingehen und den Fokus auf das Opfer legen, nicht den Täter.

Veronika Brandstätter ist Professorin für Motivationspsychologie an der Universität Zürich. Sie erforscht, was Menschen zu Alltagshelden macht. Mut brauche es immer, sagt sie, aber Zivilcourage sei auch erlernbar. Wichtig sei zu wissen, was in einer kritischen Lage zu tun oder zu unterlassen sei (siehe Kasten). Dies stärke auch das Selbstvertrauen. Meldungen wie vom Wochenende aus Baden könnten allerdings einen negativen Effekt haben. «Wenn jemand, der Zivilcourage gezeigt hat, zu Schaden gekommen ist, überlegt man sich zweimal, selbst einzugreifen.» Brandstätter rät ohnehin, sich nicht in gefährliche Situationen zu begeben, lieber die Polizei zu alarmieren.

Selbstverteidigung an Schulen

Doch dann kann es schon zu spät sein. Es ist ein Abwägen zwischen Hilfe und Selbstschutz. Psychotherapeut Felix Hof setzt deshalb auf Bildung. «Kinder und Jugendliche sollten lernen, sich selbst zu verteidigen», sagt er. «Schulen müssen in den Turnstunden Selbstverteidigungskurse anbieten.» Kritik, dass so auch aggressive Jugendliche kämpfen lernten, weist Hof zurück. «Wer sich prügeln will, prügelt sich unabhängig von Kursen.» So würden zumindest alle Kinder und Jugendliche lernen, sich zu verteidigen. Besonders junge Frauen könnten laut Hof davon profitieren. Denn auch hier untermauert die Statistik eine beunruhigende Entwicklung. Frauen werden im Ausgang öfter von Männern beschimpft, beleidigt und angegangen. In Genf ging im August eine Gruppe junger Männer auf fünf Frauen los. Eine endete im Koma.

Mit den Selbstverteidigungskursen an Schulen werden aus den Kindern vielleicht keine Helden, wie sie die italienische Journalistin Magnani umschrieb, aber Bürger mit Zivilcourage.