Pädophileninitiative
Jugendlieben landen nur selten vor dem Richter

Ein 21-Jähriger, der mit einer fast 16-Jährigen intim wird, macht sich strafbar und könnte bald mit einem Berufsverbot belegt werden. Eine Umfrage unter Gerichten und Staatsanwaltschaften zeigt: Gerichtsfälle um Jugendliebe kommen nur marginal vor.

Rinaldo Tibolla
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Auch eine Jugendliebe, eine der berühmtesten der 80er-Jahre: Sophie Marceau und Pierre Cosso im Film «La Boum 2»Cinetext Bildarchiv

Auch eine Jugendliebe, eine der berühmtesten der 80er-Jahre: Sophie Marceau und Pierre Cosso im Film «La Boum 2»Cinetext Bildarchiv

Es ist das meistgenannte Beispiel der Gegner, um zu veranschaulichen, dass die Verhältnismässigkeit mit einem Ja zur Pädophilen-Initiative ausgehebelt wird: die Jugendliebe. In allen möglichen Variationen und Jahresangaben werden sie vorgetragen.

Wirklich heikel kann es rechtlich jedoch erst bei einer Beziehung eines über 20-Jährigen mit einer 15-Jährigen werden. Doch wie häufig kommen solche Fälle vor Gericht? Und wie häufig kommt es zu Verurteilungen – die laut Initiativtext ein automatisches und lebenslängliches Berufs- und Tätigkeitsverbot zur Folge hätten?

Oft fehlen Statistiken

Eine gross angelegte Umfrage der «Südostschweiz» bei Gerichten und Staatsanwaltschaften in verschiedenen Kantonen zeigt, dass es sich um ein seltenes Phänomen handelt. Folgende Rückmeldungen haben die einzelnen Instanzen gegeben:

Aargau: Von den grössten Bezirksgerichten kann der Kanton konkrete Zahlen liefern. Das Bezirksgericht Baden hatte in den letzten fünf Jahren sechs Fälle von sogenannter Jugendliebe, davon drei im Jahr 2013, zu beurteilen, wie die Medienstelle schreibt. Deren drei kamen in den letzten fünf Jahren vor das Bezirksgericht Aarau. Der letzte Fall von Jugendliebe, der an das Aargauer Obergericht gelangte, liegt mehr als 15 Jahre zurück.

Beide Basel: Beim Strafgericht Basel-Stadt sind in den letzten Jahren vier Verfahren gegen total fünf Beschuldigte durchgeführt worden, in welchen es um sexuelle Beziehungen zwischen jungen, aber erwachsenen Männern und Mädchen im Schutzalter gegangen ist. Unter den Begriff «Jugendliebe» würden diese jedoch nicht fallen, weil keine stabile Beziehung vorangegangen sei und auch keine ausgeprägte Abhängigkeit der Mädchen vorlag, die ausgenutzt wurde, hiess es auf Anfrage. Fazit der Medienstelle: Eine verschwindend kleine Zahl von Jugendlieben werde durch Gerichte beurteilt. Das Kantonsgericht Basel-Landschaft hat «praktisch keine Fälle» beurteilt, hiess es dort auf Anfrage.

Bern: Laut Rolf Grädel, Generalstaatsanwalt des Kantons und Präsident der Konferenz der Schweizerischen Strafverfolgungsbehörden, kommen Fälle von Jugendlieben «recht selten» vor. Statistiken dazu würden im Kanton nicht geführt.

Glarus: Vor dem erstinstanzlichen Kantonsgericht wurden in den letzten Jahren keine Fälle behandelt.

Graubünden: Die Staatsanwaltschaft des Kantons kann keine Angaben machen, weil die Fälle nicht in einer Statistik aufgeschlüsselt werden. «Viele Fälle sind es nicht», hiess es bei der Medienstelle. Das Kantonsgericht – als zweite Instanz – verzeichnete noch keinen Fall von Jugendliebe eines über 20-Jährigen mit einer 15-Jährigen in seinen Unterlagen.

St. Gallen: In der gerichtsinternen Datenbank findet sich ein Fall in den letzten zehn Jahren, in dem «Jugendliebe» vor dem Kantonsgericht zur Beurteilung anstand. Der Fall endete mit Freispruch, teilte das Gericht mit.

Solothurn: Beim Obergericht werden Fälle von Jugendlieben nicht «speziell statistisch» erfasst. Solche Fälle würden aber nur einen sehr keinen Teil der Fälle von strafbaren Handlungen gegen die sexuelle Integrität ausmachen.

Zürich: Das Bezirksgericht Zürich konnte aus «Kapazitätsgründen» keine Angaben machen, da sich Fälle von Jugendlieben nicht aus dem System herauslesen lassen.

Schweizweite Zahlen der Polizei

Äusserungen zur gesamtschweizerischen Situation bei Jugendlieben kann das Bundesamt für Justiz nicht machen. Aus der Kriminalstatistik ist die Gesamtzahl der Fälle von sexuellen Handlungen mit Kindern (Art. 187 StGB) herauslesbar. Im vergangenen Jahr waren es 791 Fälle. Bei der Altersgruppe der 20- bis 24-Jährigen sind 106 verzeichnet. Von diesen dürfte – der Umfrage entsprechend – ein Bruchteil Fälle von Jugendliebe sein.