Jugendschutz

Jugendliche sehen Sex-Bilder auf Instagram, nicht Twitter

Eine Bundeshaus-Angestellte entblösste sich auf Twitter.

Eine Bundeshaus-Angestellte entblösste sich auf Twitter.

Das «Selfie-Gate» um die Nacktfotos einer vom Bund angestellten Frau hat es gezeigt: Über Twitter lassen sich uneingeschränkt Bilder verbreiten, die pornografisch sind. Was aber bewirkt dieser schrankenlose Zugang zu Porno bei Jugendlichen?

In den Twitter-Nutzungsbedingungen ist keine Altersbeschränkung vorgesehen. Das im Gegensatz etwa zu Facebook oder Instagram, wo Nutzer unter 13 Jahren abgelehnt werden. Allerdings erkennt ein Filter bei Twitter erotisches oder pornografisches Material und warnt die Nutzer mit dem Hinweis, dass das Material sich nicht an unter 18-Jährige richtet.

Nur wer unter seinem Account das Profilbild, das Titelbild oder den Hintergrund mit pornografischem oder «obszönem» Material versieht, verstösst gegen die Nutzungsbedingungen. Twittern aber kann man sogar unzensierten Geschlechtsverkehr.

Einer von zehn Jugendlichen nutzt Twitter

Aus einer europaweiten Studie von 2013 weiss man, dass 21 Prozent der  Jugendlichen zwischen 9 und 16 Jahren hierzulande bereits sexuelle Inhalte im Internet gesehen haben. Einige rufen sie gezielt auf, etwa um die Neugier zu stillen. Manchmal springen ihnen pornografische Bilder oder Videos aber auch unabsichtlich ins Auge, zum Beispiel wegen «Pop-up»-Werbefenstern. Gemäss einer Studie zu der Mediennutzung von Jugendlichen in der Schweiz nutzten im Jahr 2012 rund 11 Prozent Twitter. Dass Jugendliche auf Twitter also in Berührung mit Pornografie kommen, liegt auf der Hand. Doch ist es ein Problem?

Twitter spielt in der Schweiz nur eine untergeordnete Rolle. «Noch weniger unter Jugendlichen, bei welchen heute WhatsApp oder der Fotodienst Instagram weitaus wichtiger sind», sagt Philippe Wampfler, der Schulen in Sachen Jugend und Soziale Medien berät. Viel eher als auf Twitter kämen die Jugendlichen auf Instagram mit Sexbildern in Kontakt, so Wampfler.

Twitter lässt alles durch

Instagram – viele präsentieren sich auf der Foto-Plattform, manche auch nackt, einige in erotischer Pose. In den USA sei eine Debatte entbrannt, weil Instagram damit begonnen habe, Nacktfotos zu verbannen, so Wampfler. «Übergewichtige beschweren sich, dass sie stärker von dieser Zensurierung betroffen sind.» Ob nackt oder angezogen – Instagram scheint ästhetische Vorlieben zu haben, was nackte menschliche Körper betrifft.

Nicht so Twitter: Während Pornografie auf Instagram kaum eine Rolle spielt, wird frivol dem Exhibitionismus gefrönt. Jugendschutz spielt auf Twitter kaum eine Rolle. Das Motto: Jeglicher Inhalt von Twitter liegt der alleinigen Verantwortung derjenigen Person, die ihn über Twitter verbreitet. Twitter hält in den Nutzungsbedingungen ausdrücklich fest: «Weder überwachen wir den veröffentlichten Inhalt noch können wir dafür Verantwortung übernehmen.»

Twitter ermöglicht den Selbsttext

Mit dem nationalen Programm Jugend und Medien will das Bundesamt für Sozialversicherungen die Medienkompetenz in der Bevölkerung fördern. Das erklärte Ziel der Promotoren: Eltern, Lehrer und andere Begleitpersonen von Kindern und Jugendlichen sollen Kinder und Jugendliche unterstützen, einen verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien zu lernen und sie vor zum Teil verstörenden Inhalten – ob Pornografie oder Gewalt – schützen. Doch der Handlungsbedarf ist gross: «39 Prozent der Eltern wissen nicht, dass ihre Kinder überhaupt Pornografie konsumieren», sagt die Projektleiterin Colette Marti. Es stelle sich deshalb die Frage, mit wem diese Kinder über ihren Pornokonsum sprechen können.

Zwar könnten auf dem Computer installierte Jugendfilter gewisse Abhilfe leisten, so Colette Marti. «Weil diese aber nie hundertprozentigen Schutz bieten, müssen Erwachsene mit Kindern und Jugendlichen problematische Medieninhalte besprechen und kritisch reflektieren.» Denn sonst könne es Probleme geben: Etwa wenn sich eine Pornosucht entwickelt und diese bei einem Jugendlichen ein verzerrtes Idealbild schaffe. «Pornos zeichnen unrealistisches Geschlechterverhalten beim Sex nach. Das kann Folgen für das spätere Beziehungs- und Sexleben eines Jugendlichen haben.»

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