Jugendstraftäter
Jugendanwalt, Aufsicht und Eltern haben im Fall «Carlos» versagt

Einen Film mit dieser Handlung würde man als realitätsfremd abtun: Ein Junge namens Carlos wird im Alter von 10 Jahren erstmals kriminell. Es folgen Körperverletzung, Raub, Waffenbesitz, Drogenkonsum - total 34 Delikte.

Christian Dorer
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Mit 15 sticht er einem Jugendlichen ein Messer in den Rücken, das Opfer überlebt nur mit viel Glück. Carlos aber wird nicht eingesperrt, nein: Er lebt fortan mit seiner Betreuerin in einer 4,5-Zimmer-Wohnung ein glückliches Leben, verbringt viel Zeit im Fitnessstudio, erhält Thaiboxunterricht, hat ein grosszügiges Budget für persönliche Auslagen. Das Wohlfühlprogramm kostet den Staat jeden Monat 29'000 Franken. Diese unglaubliche, aber wahre Geschichte hat das Schweizer Fernsehen enthüllt. Man wähnt sich im falschen Film und stellt sich drei Fragen.

Wo bleibt die Gerechtigkeit? Der Jugendanwalt wollte anhand von Carlos zeigen, wie man auf unkonventionelle Art einen Jugendlichen resozialisiert. Selbst wenn die nun abgebrochene Therapie Erfolg gehabt hätte: Es darf nicht sein, dass der Staat einem Straftäter ein Luxusleben finanziert, das sich der Normalbürger nicht leisten kann. Da zieht auch dieses Argument nicht: «Landet Carlos im Knast, kommt es den Steuerzahler noch teurer.» Es geht nicht um eine Milchbüchleinrechnung, sondern um Gerechtigkeit. Natürlich ist es richtig, dass man kriminelle Jugendliche nicht einfach auf ewig im Kerker schmoren lässt, sondern wieder in die Gesellschaft eingliedert. Wer aber derart übertreibt wie dieser Jugendanwalt, der zerstört jedes Verständnis für dieses Ziel.

Wo waren die Eltern? Wer Kinder in die Welt setzt, der übernimmt eine grosse Verantwortung. Niemand hat einen grösseren Einfluss auf die Entwicklung eines Kindes als die Eltern. Carlos ist der Sohn eines Schweizers und einer Brasilianerin. Von seinen Eltern sind einzig die juristischen Kämpfe bekannt: So hat der Vater nach der Messerattacke Beschwerde eingelegt gegen die unbefristete Unterbringung von Carlos im Jugendgefängnis. Wo aber haben die Eltern als Erzieher Verantwortung übernommen?

Wo war die Aufsicht? Der Fall Carlos wurde durch Zufall publik. Wie kann es sein, dass ein Jugendanwalt schaltet und waltet, wie er will? Warum hat niemand im Zürcher Justizdepartement von Martin Graf die Notbremse gezogen? Ebenso unverständlich wie das Laisser-faire ist die Reaktion darauf: Ein achtköpfiges Einsatzkommando der Stadtpolizei Zürich verhaftete Carlos auf offener Strasse - als wäre es sein Fehler, dass die Behörden ihm jahrelang ein schönes Leben organisierten. Statt dieses hüst und hott wünschte man sich mehr Besonnenheit. Immerhin präsentierte Graf gestern einen ausführlichen, transparenten Bericht zum Fall und unterbindet Luxusbehandlungen per sofort.

Der Skandal um Carlos (der in Wirklichkeit anders heisst) hat eine Debatte über den Umgang mit jungen Tätern entfacht. Strafrechtsprofessor Martin Killias stellt fest: «Nirgends auf der Welt ist der Anteil an unbedingten Strafen bei Jugendlichen derart gering wie in der Schweiz - er beträgt nicht einmal zwei Prozent.»

Man sollte das Kind nicht mit dem Bad ausschütten: Die Schweiz hat kein grösseres Problem mit Jugendkriminalität als repressive Länder. Sie muss ihr System der erzieherischen Massnahmen nicht ändern. Aber punktuell anpassen: Verdient jeder eine dritte, vierte, fünfte Chance? Nein: Ein Strafrecht muss auch abschrecken, damit es respektiert wird.

(7.9.2013)

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