Fritz Thut

Sie macht kein Geheimnis daraus: «Es ist auch dem Zufall zu verdanken, dass ich nun Mitglied des Aargauer Grossen Rates bin.» Wäre Irène Kälin nicht vom später verstorbenen Markus Hari als Kandidatin für die grüne Grossratswahlliste des Bezirks Lenzburg angefragt worden und würde nicht die gewählte Daniela Wildi Mutter und räumte deshalb ihren Sitz, wäre die 23-jährige Studentin der Islamwissenschaften nun nicht jüngste Aargauer Grossrätin.

Lassen wir die Konjunktive: Kälin, die seit ihrem siebten Lebensjahr in Lenzburg lebt, erreichte bei den Grossratswahlen vor Jahresfrist auf der Grünen-Liste5 mit 863 Stimmen den zweiten Platz. Fast 300 Stimmen mehr erhielt die Lenzburger Primarlehrerin Daniela Wildi, die nicht zuletzt dank dem neuen Wahlsystem erste grüne Grossrätin des Bezirks wurde. Wegen ihrer Mutterschaft machte Wildi nun der ersten Ersatzfrau Platz und am 19. Januar wurde Irène Kälin als neues Mitglied des Kantonsparlaments vereidigt. Wegen der vielen annullierten Sitzungen geht der Ratsbetrieb für Kälin am 16. März richtig los.

Aus einer politischen Familie

So ganz Zufall ist es schon nicht, dass die junge Studentin nun in einem Ratssaal landete. Politik war durchaus schon in jungen Jahren daheim ein Thema. «Ich komme aus einem roten Haus und bin in einem grünen Umfeld gross geworden.»

Dass Irène Kälin für die Grünen im Grossrat Einsitz nimmt, war vor diesem Hintergrund nicht absolut zwingend: «Es hätte auch die SP sein können», verrät sie im Gespräch mit der AZ. Ihre politische Heimat liegt durchaus zwischen den beiden Farben: «Ich bin grün mit einem roten Kern - oder umgekehrt.»

«Erfreulich» und «lässig» findet die neue Grossrätin, dass viele ihr bei den Wahlen vor Jahresfrist zutrauten, dass sie sich «für Anliegen aus diesem Bereich einsetzen könnte». Als Überraschung wertet sie ihren zweiten Listenplatz nicht. Eher als Äusserung der jungen Wähler, Junge wählen zu wollen.

Aktuelles Studienfach

Die neue Grossrätin ist sich bewusst, dass sich ihr Mandat auf Vorschusslorbeeren gründet. «Bisherige politische Aktivitäten kann ich noch keine ausweisen.» Eine frühere Anfrage für den Lenzburger Einwohnerrat hat sie noch abschlägig beantwortet. «Die persönliche Situation war noch zu unsicher.»

Diese hat sich stabilisiert. Kälin studiert an der Universität Zürich Islamwissenschaften - ein ebenso interessantes wie aktuelles Thema. Zu diesem Fach hat sie gefunden, nachdem sie zuerst arabische Sprachen im Nebenfach studiert hat. Nun ist der Fächer viel weiter offen, umfasst neben den Sprachen (Arabisch, Persisch und auch Türkisch) Aspekte wie Literatur, Rechtsprechung oder Religion. «Es ist auch eine Lebensschule, dieses uns eher Fremde mit allen Einzelheiten kennen lernen zu dürfen», schwärmt die junge Lenzburgerin von ihrem Fach. Ursprünglicher Auslöser für diese Richtung waren orientalische Tanzstunden, die sie auch heute noch regelmässig besucht.

Partei nicht Bezirk vertreten

Für Irène Kälin ist klar, dass sie im Grossen Rat eher die Interessen ihrer Partei als jene ihres Wahlkreises vertreten wird. Sie sieht ihre möglichen Themenschwerpunkte «bei Migration und Immigration und in der Folge davon bei der Bildung». Illusionen über Einflussmöglichkeiten macht sie sich keine: «Ich muss mich wohl anpassen; eine Portion Pragmatismus wird sich wohl bald einstellen.» Für die neue Grossrätin ist klar, dass sie ihre Ideale auch praktisch vorlebt: Sie benützt den öV und radelt, «fährt sicher kein Auto»; braucht wenn immer möglich Bioprodukte und trennt den Abfall: «Das tönt alles so einfach, aber hier beginnt etwas Grosses.»