Die Zahl ist eindrücklich: Von den aktuell 136 aufgebotenen Eishockey-Juniorennationalspielern mit den Jahrgängen 1998 bis 2002 sind genau deren zwei im Dezember geboren. Eishockey eignet sich punkto Leistungssport als Musterbeispiel für den relativen Alterseffekt, der besagt, das ältere Kinder eines Jahrgangs im Vorteil sind.

Die Sportart bietet in jüngeren Jahren vor allem den körperlich schneller entwickelten Spielern einen grossen Vorteil. Der Stärkere kann sich viel leichter gegen den vielleicht talentierteren, aber physisch schwächeren Jahrgangs-Kollegen durchsetzen. Mit dem bekannten Effekt: Die überlegenen Spieler werden durch die Trainer stärker gefördert und haben dadurch langfristig die grössere Chance.

Beim Schweizer Eishockey-Verband (SIHF) ist man sich dieser Problematik seit geraumer Zeit bewusst. Allein: Es ist schwierig, den Kreislauf zu durchbrechen. Markus Graf, beim SIHF verantwortlich für den Jugendsport und Entwicklung, sieht zwei Lösungsansätze. Zum einen versucht man, den Nachwuchs-Trainer dafür zu sensibilisieren, dass er «wohlwollend und auf den Stärken aufbauend trainiert sowie keine zu frühe Talentselektion vornimmt», erklärt Graf.

Will heissen, dass man den Junioren, gerade, mehr Zeit gibt, ihr Talent unter Beweis zu stellen. Zum anderen legt man beim SIHF ein Augenmerk auf die sogenannten «Spätentwickler». Graf: «Junioren, die in der zweiten Jahreshälfte geboren wurden und punkto Gewicht und Grösse gewisse Kriterien erfüllen, dürfen in einer jüngere Kategorie mitspielen.»

Andere Massnahmen, wie etwa die Verschiebung der Jahrgangsstrukturen, sodass ein anderer Monat als «Stichtag» gilt, würden das Problem nur verlagern, aber nicht lösen.

Talente werden verdrängt

Ebenso evident wie beim Eishockey ist die Statistik beim Fussball. Beim Schweizerischen Fussballverband (SFV) ist man seit vier, fünf Jahren intensiv daran, sich des Phänomens anzunehmen. Laurent Prince, der SFV-Sportdirektor, bringt es auf den Punkt: «Unser Problem sind die frühentwickelten Frühgeborenen eines Jahrgangs, die unsere Talentkriterien nicht erfüllen und gleichzeitig talentierte Spätgeborene verdrängen.»

Auf der Suche nach Lösungen hat man beim SFV zwei Ansätze: Erstens soll vor allem im Kinderfussball das Erlebnis vor dem Ergebnis stehen. Und zweitens sollen alternative Spielformate, bei denen alle Spieler einer Mannschaft zum Einsatz kommen müssen, für ausgleichende Gerechtigkeit sorgen. «Wir haben schon viel erreicht und werden in Zukunft noch stärker versuchen, korrigierend einzugreifen», sagt Prince. Es benötige aber noch viel Arbeit, bevor das System wirklich gerecht sei.

Prince weiss: Selbst bei den jüngeren Junioren-Kategorien, wo die Unterschiede der körperlichen Entwicklung innerhalb eines Jahrgangs zum Teil enorm sind, ist es schwierig, einen Mentalitätswandel zu bewirken.

Auch beim Schweizer Tennisverband hat man sich des Alterseffekts vor vier Jahren angenommen. Für Alessandro Greco, den Leiter Spitzensport bei Swiss Tennis, steht vor allem eine Motivation im Vordergrund: «Wir wollen Fairness. Es konnte nicht sein, dass es kaum Talente gab, die im vierten Quartal eines Jahres auf die Welt kamen.»

Auch wenn Tennis ein Individualsport und somit ungleich talentabhängiger ist als eine Mannschaftssportart, so trennt sich aufgrund der unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen auch hier die Spreu oft recht früh vom Weizen.

«Krasse Unterschiede»

«Im Bereich unter 12 Jahren war es bei uns recht krass. Allein die physischen Vorteile können auf diesen Altersstufen einen grossen Unterschied ausmachen», erklärt Greco. Der Tennisverband hat Massnahmen ergriffen, um den Nachteil der «Spätgeborenen» auszumerzen. Unter anderem wurden zwei «Stichtage» eingeführt, an denen Spieler in die nächsthöhere Alterskategorie wechseln können. Ausserdem wird bei der Evaluation der Talente auch das Geburtsquartal berücksichtigt.

Ob Individual- oder Teamsport: Den perfekten Weg, den Alterseffekt im Sport zu bekämpfen, gibt es nicht. Aber das Bewusstsein ist vorhanden, die Defizite so weit wie möglich zu reduzieren.