Friedhof
Jüdische Friedhöfe und Muslimgräber sind kein Problem

Muslime und Juden fordern mehr eigene Friedhöfe. Jetzt zeigt eine Berner Untersuchung: Die Forderungen sind überissen. Die Praxis hat diese angeblichen Probleme nämlich längst im Griff.

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Unnötige Unruhe um letzte Ruhe

Unnötige Unruhe um letzte Ruhe

Niklaus Ramseyer

«Wir in Bern waren eine der ersten Städte, die ein Muslim-Grabfeld gestaltet haben, und das hat sich eigentlich ohne Schwierigkeiten bewährt.» Das sagt der für Friedhöfe zuständige Leiter der Stadtgärtnerei Bern, Christoph Schärer, in der Studie «Der soziale Raum des Todes» der Uni Bern. Die Studie lässt nur einen Schluss zu: Die hitzigen Debatten um Muslimgräber, die schon nach der Minarettabstimmung und jetzt wieder nach einem Entscheid der Gemeinde Köniz gegen ein Muslim-Grabfeld aufgeflammt waren, sind eigentlich unnötig.

CVP-Präsident Christophe Darbellay hatte die Debatte Anfang Dezember lanciert, als er zu bedenken gab, dass ewig angelegte Gräber, wie sie strenggläubige Muslime und Juden beanspruchen, problematisch seien. Der Proteststurm kam postwendend. Zu Recht, wie die Berner Studie zeigt: Denn die Bestattung von Juden sei «in der Schweiz schon seit längerem institutionalisiert», wie die Studie festhält. Probleme habe es mit den zahlreichen jüdischen Friedhöfen jedoch kaum je gegeben.

Erst in neuerer Zeit wurden in der Schweiz auch Muslim-Friedhöfe oder -Gräberfelder eingerichtet. Im grossen Berner Bremgartenfriedhof vor zehn Jahren.

Urnenbestattungen immer beliebter

Im Grabfeld, das sich kaum von christlichen, jüdischen oder weltlichen Gräberfeldern unterscheidet, haben seither Menschen problemlos ihre letzte Ruhe gefunden, die Aziz Sidi Alaoui oder Fathia Khalil al Scharabati heissen. Das mit den Muslimen ausgehandelte Reglement hält fest: «Das Moslemgrab wird grundsätzlich 20 Jahre nach seiner Eröffnung aufgehoben.» Aber auch: «Je nach Platzverhältnissen lässt die Friedhofverwaltung das Grab jedoch über die 20 Jahre hinaus bestehen.» Und es hat noch viel freien Platz auf freien Flächen im bekanntesten Berner Gottesacker.

Die Studie hält fest: «Auf Spaziergängen durch die untersuchten Friedhöfe fallen vor allem in Bern die vielen Freiflächen auf.» Den Grund dafür haben sie auch ermittelt: «Urnenbestattungen haben sich als häufigste Beisetzungsart durchgesetzt.» Während die Erdbestattungen stark rückläufig seien. Dazu gibt es Zahlen: In Luzern etwa wurden um 1975 noch gleich viele Tote beerdigt wie kremiert. Heute machen die platzsparenden Urnenbestattungen über 80 Prozent aus. In Bern liegt das Verhältnis bei 30 zu 70 Prozent zugunsten der Feuerbestattungen.

In Luzern, wo seit 2008 ebenfalls ein Muslim-Grabfeld existiert, gibt es für eher weltlich orientierte Menschen aller Konfessionen sogar ein Gemeinschafts-Urnengrab. Es ist eine Art Aschensilo unter einem markanten pyramidenförmigen Dach, das auf kleinstem Raum den verbrannten Überresten von bis zu
15000 Verstorbenen Platz bietet.

«Die konfessionelle Neutralität der untersuchten Friedhöfe bewirkt vor allem ein bewusstes Vermeiden religiöser und insbesondere christlicher Symbolik», stellt die Berner Studie fest.

Friedhöfe verdienen mit Urnen wenig

Trotz derlei «Säkularisation des Bestattungswesens» seien im Umgang mit dem Tod religiöse Bedürfnisse immer noch von grosser Bedeutung, räumt die Berner Studie ein. Radikal-religiöse Leute, die ihr ganzes Leben und auch den Tod derart der Religion unterwerfen, dass sie keine Friedhofregeln akzeptieren können, sind aber eher selten. Viele auch nicht besonders religiöse Muslime der ersten Generation lassen sich nach ihrem Tod ohnehin in ihre Herkunftsländer zurückfliegen und dort bestatten.

Wo hierzulande die Erdbestattung aus muslimischen Kreisen vermehrt wieder verlangt wird, passt dies vielen Friedhöfen sogar ins Konzept: Die kostengünstigeren und weniger lukrativen Urnenbestattungen für die Christen haben ihnen nämlich in den letzten Jahren nicht nur mehr Platz für Erdbestattungen beschert – sondern auch einen veritablen Umsatzeinbruch.

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