Selbstexperiment
Journalist als Obdachloser: «Das Projekt sei eine Idiotenidee, sagte ein Betroffener»

Radio 24-Moderator Dominik Widmer lebt eine Woche lang als Obdachloser und sagt im Interview, was er mit diesem Projekt erreichen will und warum er die vereinzelte Kritik versteht.

Fabio Vonarburg
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Dominik, du hast für die ganze Woche 50 Franken zur Verfügung. Wie viel ist davon noch übrig?

Dominik Widmer: 37.50 Franken – mehr als ich erwartet hätte. Ich bin aber auch sehr gut am Haushalten und habe am Dienstag nur 50 Rappen ausgegeben. Für einen Kaffee, beim City-Treff. Dank den Angeboten der Pfarrer Sieber Stiftung und anderen Institutionen kommt man mit wenig Geld durch.

Wie steht es um die Sehnsucht nach deinem warmen Bett?

Sehnsucht ist ein grosses Wort. Aber natürlich ist es speziell, wenn man nicht zu den eigenen vier Wänden, zu seinem Bett kann. Aber: Ich kann zum Glück Ende Woche wieder nach Hause. Das ist etwas, das viele Menschen nicht können, die ich diese Woche kennenlerne. Ich bin mir bewusst, dass ich mit diesem Projekt darum nur einen Bruchteil des Lebens eines Obdachlosen erfahre. Zudem habe ich keine Sucht, keine Krankheit und musste auch keinen schlimmen Schicksalsschlag verkraften. Mir geht es gut.

Warum kann es trotzdem nützen, wenn du als Journalist für eine Woche in die Rolle eines Obdachlosen schlüpfst?

Das Projekt kann bei unseren Hörern und Lesern zu einer Horizonterweiterung führen. Man kann sich vielleicht ein besseres Bild machen, wie Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben, im Winter leben. Und man lernt die Institutionen kennen, die diesen Menschen helfen. Zudem ist mir wichtig, ein Vorurteil abzubauen, das ich bis vor kurzem selber hatte: Wie viele andere war ich der Meinung, dass bei uns in der Schweiz niemand auf der Strasse leben muss, wenn er nicht will.

Spendenaufruf

In Zusammenarbeit mit den Sozialwerken Pfarrer Sieber ruft Radio 24 zu Spenden für den Pfuusbus auf. Der Pfuusbus ist ein Sattelschlepper, der, ähnlich einem Wohnwagen, 35 Schlafplätze beinhaltet und gratis von Obdachlosen genutzt werden kann. Im Bus erhalten sie auch eine warme Mahlzeit. Ziel der Spendenaktion: Eine Woche die Kosten für die Notschlafstelle zu decken.

Hier erfahren Sie mehr.

Was hat dich in diesen Tagen vom Gegenteil überzeugt?

Ein Mann, den ich heute kennenlernte, hat Angst, ein Gebäude zu betreten. Was machst du dann? Und eine Sozialarbeiterin erzählte mir, sie wisse von 10 Menschen in Zürich, die selbst bei dieser Kälte draussen übernachten. Entweder weil es ihnen im Pfuusbus zu eng ist, es dort zu viele Menschen hat, oder sie nichts mit der Gesellschaft und der Bürokratie zu tun haben wollen.

Wie sah die Vorbereitung auf diese Woche aus?

Ich habe mich im Vorfeld mit vielen Betroffenen ausgetauscht. Ich wollte herausfinden, wie das Projekt bei Obdachlosen ankommt und bekam vor allem positive Rückmeldungen. Sie fänden es wichtig, dass diese Art des Lebens thematisiert werde. Denn häufig fühlen sich Obdachlose von der Gesellschaft ignoriert und an den Rand gedrückt.

Gab es auch negative Stimmen?

Ja, natürlich. Gestern beispielsweise. Das Projekt sei eine Idiotenidee, sagte ein Betroffener. Denn um wirklich einen Eindruck vom Leben als Obdachloser zu bekommen, müsste ich mindestens mehrere Monate auf der Strasse leben. Zudem hätte ich im Gegenteil zu vielen anderen jederzeit die Möglichkeit, das ganze abzubrechen und in meine Wohnung zu gehen. Da hat er auch absolut recht. Doch darum geht es mir nicht. Ich lebe nicht als Obdachloser, ich lebe eine Woche obdachlos. Ich will erfahren, wie sich das anfühlt, nicht mehr nach Hause zu können.

Was waren schöne Momente?

Nach der Nacht, in der ich draussen übernachtete, fand ich eine Tüte mit einem Donut neben mir. Auf dem beiliegenden Zettel stand: «Liebe Grüsse von der Stadtpolizei Zürich.» Und einmal hat mich eine wildfremde Frau gefragt, ob es mir gut geht. Auch das fand ich schön.

Gab es bislang eine Situation, in denen du es bereut hast, dass du dich auf dieses Projekt eingelassen hast?

Ja, am Sonntagabend, als ich anfing, meinen Rucksack zu packen. Da wusste ich, jetzt geht es los, aber ich fühlte mich nicht so richtig bereit. Aber ich denke, man kann sich hierzu gar nicht bereit fühlen.

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