Schweiz-EU
Joschka Fischer plädiert für einen Bundesstaat Europa

Das einstige Enfant terrible Joschka Fischer war von 1999 bis 2005 deutscher Aussenminister und Vizekanzler – und einer der populärsten Politiker seines Landes. In Baden erklärte er, warum Schadenfreude über die EU-Krise fehl am Platz wäre.

Christian Nünlist
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«Wenn die EU ein Staatenbund bleibt, fällt sie auseinander»: Joschka Fischer beim runden Tisch der Aargauischen Kantonalbank in Baden. KEY

«Wenn die EU ein Staatenbund bleibt, fällt sie auseinander»: Joschka Fischer beim runden Tisch der Aargauischen Kantonalbank in Baden. KEY

Berlin, Paris, Rom, Washington, Moskau, Tokio, Peking und Hunderte anderer Städte auf der ganzen Welt hat Joschka Fischer schon besucht. Als 18-Jähriger schlief er unter den Brücken von Paris und stahl sich Essen zusammen, in den rebellischen Sechzigerjahren schreckte der radikale Linke auch vor Boxkämpfen mit Polizisten nicht zurück.

Das einstige Enfant terrible war von 1999 bis 2005 deutscher Aussenminister und Vizekanzler – und einer der populärsten Politiker seines Landes. Gestern Abend weilte Joschka Fischer aus Anlass des 8. runden Tischs der Aargauischen Kantonalbank zum ersten Mal in Baden.

Die Schuldenkrise in Europa dominiert die aktuelle Weltpolitik, deshalb erstaunt nicht, dass sich mehrere hundert Zuhörer aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft die Gedanken des 63-jährigen schillernden Stargasts aus Deutschland zum Thema Europa höchst aufmerksam anhörten.

Joschka Fischer ist zeit seines Lebens ein überzeugter Europäer, Gesprächsleiterin Katja Gentinetta führte ihn als «Europas letzten Optimisten» (Spiegel) ein. Fischer stellte eingangs klar, dass er nicht hier sei, um zu argumentieren, die Schweiz solle der EU beitreten. «Tun Sie es nicht!», sagte Fischer. «Ich will Sie nicht in die EU reinquatschen.»

Die Schweiz ist in Europa

Fischer glaubt aber, dass die EU die Schweiz im Zeitalter der Globalisierung entscheidend präge, ob die Schweiz das wolle oder nicht. Die Beziehungen zwischen der Schweiz und der EU seien unverzichtbar und existenziell. Joschka Fischer machte auch klar, dass Schadenfreude über die Krise der EU fehl am Platz wäre – denn «die Krise der EU betrifft auch die Schweiz als Nichtmitglied», sagte Fischer mit Nachdruck.

Undiplomatisch direkt kritisierte er Christoph Blocher und seine SVP. «Blocher wäre im 19. Jahrhundert ein Revolutionär gewesen, aber sein Weltbild passt nicht ins 21. Jahrhundert», so Fischer. «Wir alle haben über die Verhältnisse gelebt», sinnierte er über die Gründe der Schuldenkrise. «Aber die Party ist vorbei.»

Und wie im richtigen Leben sei die Ernüchterung danach nicht der schönste Teil einer Party. Fischer hält die Euro-Krise im Kern für eine politische Krise und glaubt, sie wäre lösbar, wenn sich die EU-Mitglieder in der Krise zu einem weiteren mutigen Integrationsschritt entscheiden könnten.

«Wenn die EU ein Staatenbund bleibt, fällt sie auseinander», prognostizierte der überzeugte Europäer düster. Als Alternative gibts für ihn nur den Schritt zu einem Bundesstaat Europa. Gerade auch, weil sich Europa immer stärker gegen das aufstrebende Asien behaupten muss.

Schicksalsgemeinschaft

Podiumsteilnehmer Economiesuisse-Präsident Gerold Bührer bekannte, die Schweiz habe keine Lust, als kleines Land am Katzentisch zu sitzen. Joschka Fischer nahm den Ball gerne auf und sagte schlitzohrig, der Platz am Katzentisch sei besser als – wie jetzt – auf der Hausmatte vor der Türe.

Der Aargauer Landammann Urs Hofmann hatte in einem klugen Begrüssungswort in Anlehnung an das Bonmot von Theodor Heuss «Deutschland braucht Europa, und Europa braucht Deutschland» dafür plädiert, dass auch die Beziehungen zwischen der Schweiz und Europa einer Schicksalsgemeinschaft gleichen würden. «Die Schweiz braucht Europa, aber auch Europa braucht die Schweiz», so Hofmann.

Dem gut gelaunten Joschka Fischer gefiel der Begriff, und er sagte in der lebhaften, aber eher zu kurzen Diskussion, er habe das Wort Schicksalsgemeinschaft noch nie in diesem Zusammenhang verwendet, werde das aber künftig in seinen Vorträgen tun. Damit hat sich der erste Abstecher von Joschka Fischer nach Baden nicht nur für Hunderte von Zuhörern gelohnt, sondern auch für Fischer selbst.

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