Der Schlussakt lief beinahe noch schief. Wenn es denn wirklich so war, wie "Tele Züri" berichtete, dass Johann Schneider-Ammann, kurz JSA, am Freitag zurücktreten wollte, dann hat jemand seine Pläne verraten. Dann hat JSA irrtümlicherweise Personen eingeweiht, die seines Vertrauens nicht würdig waren und höchst Persönliches weitererzählten. Das wäre ein seltenes Vorkommnis im Zusammenhang mit dem Rücktritt eines Bundesrats, aber symptomatisch für die leicht holperige Politikkarriere des gebürtigen Emmentalers, Sohn eines Tierarztes.

Als er im September 2010 in Bundesrat gewählt wurde, galt er als Hoffnungsträger. Ein erfolgreicher Unternehmer, der ein anderes Denken in den Bundesrat bringen würde. Schneider-Ammann wurde gerade von der Linken unterstützt. Unter anderem weil er als gestandener Patron mehr Verständnis für Sozialpartnerschaft aufzubringen schien als die damals etwas kalt und forsch wirkende Gegenkandidatin Karin Keller-Sutter.

Das Säuli wehrte sich ganz fest – aber Bundesrat Schneider-Ammann blieb cool: «Dass es zappelt, damit habe ich gerechnet.»

Das Säuli wehrte sich ganz fest – aber Bundesrat Schneider-Ammann blieb an der Olma 2015 cool: «Dass es zappelt, damit habe ich gerechnet.»

Das Mass aller Dinge

JSA wurde Wirtschaftsminister, und das nahm er wörtlich. Die Wirtschaft, die Unternehmen, waren für den gelernten Elektroingenieur das Mass aller Dinge. Ob eine Schraube für ein Fahrrad oder einen Panzer hergestellt wurde, schien ihm nicht so wichtig zu sein. Es ging um Arbeitsplätze. Jobs, Jobs, Jobs. Davon war er wie besessen. Das zeigte sich in den letzten Monaten am Umstand, dass er darauf drängte, Kriegsmaterial auch in Bürgerkriegsländer zu exportieren.

Er setzte stark und erfolgreich auf Freihandel mit aller Welt, und viele derartige Abkommen hätte er gerne noch abgeschlossen, das darf man ihm ruhig glauben. Von einem Abkommen mit den USA war zuletzt besonders oft die Rede, wobei das auch als Ablenkungsmanöver seines Departements und seines Generalsekretärs Stefan Brupbacher zu werten ist. Sie wollten so offensichtlich von der Rücktrittsfrage ablenken, die angesichts seiner vermuteten gesundheitlichen Probleme immer offener gestellte wurde.

Seine Linien führen ins Nichts

Es hiess zuletzt immer mehr, JSA sei nur noch Aussenminister seines Departements, er reise um die Welt, seine Innenpolitik werde längst von seinem Generalsekretär und dem Staatssekretariat für Wirtschaft Seco geprägt. Man schrieb dies der zunehmenden Müdigkeit zu, die bei JSA festzustellen war. Er leite seine Departement längst nicht mehr selbst, hiess es. Falsch ist dies mit Sicherheit nicht, es zeigte sich an der Frage der Agrarpolitik und den flankierenden Massnahmen im EU-Dossier. Er verfolgte in beiden Fällen Linien, die ins Nichts führten – und die in dieser ideologischen Härte auch für den Nicht-Politiker untypisch waren.

JSA ist, das hat ihn immer ausgezeichnet, ein ehrlicher Mensch, als Politiker wohl etwas zu ehrlich. Er hat sich nicht verbogen, er konnte sich oft nicht einmal anpassen, er verfügte nicht über die Flexibilität, die Wahrheit auch einmal am Mikrofon zu dehnen. Das muss man ihm lassen und das ehrt ihn. Gerade auch wurde er nie ein "guter", nie ein "richtiger" Politiker.

Die Medien, wir Medien, machten uns immer wieder über ihn lustig. Teilweise in beschämendem und ungerechtem Ausmass: Es gab ganze Satiresendungen, die davon lebten. Dabei versuchte hier einer nur, seine Arbeit gut zu machen. Was ihn auszeichnet: Er hat Humor und konnte auch darüber lachen.

Sein Auftritt am Tag der Kranken mit dem Bonmot "Rire c’est bon pour la santé" ist unvergessen, weil er so unvergleichlich unfreiwillig komisch war. Sein Ziel, Leute zum Lachen  zu bringen, hat er gerade deshalb erreicht. So wie er trotz seiner politischen Unbeholfenheit durchaus viele seiner Ziele erreicht hat.

Ausschnitt aus Johann Schneider-Ammanns Ansprache zum Tag der Kranken im Westschweizer Fernsehen.

Ausschnitt aus Johann Schneider-Ammanns Ansprache zum Tag der Kranken 2016 im Westschweizer Fernsehen.

«C'était une autre affaire»: Bundespräsident Schneider-Ammann bringt das Parlament zum Lachen.

«C'était une autre affaire»: Bundespräsident Schneider-Ammann bringt das Parlament 2016 zum Lachen.

Es gelang nicht alles,  die Affäre um die Hochseeflotten etwa geriet aus dem Ruder. Vor allem gegen Schluss ist einiges zunehmend schief gelaufen. Weil der Berner überfordert und gleichzeitig von seinen Leuten getrieben schien. JSA zeigte sich stur, war von einer Haltung fast nicht mehr abzubringen, wie Mitglieder in Kommissionen berichten. Er schien gar nicht mehr richtig zuzuhören. JSA war müde geworden.

Schneider-Ammann wird nicht als visionärer Bundesrat in die Geschichte eingehen. Aber er war ein erfolgreicher Bundesrat, der viel gearbeitet und der Wirtschaft schnell aus der Krise geholfen hat. Und, vor allem: Er war und ist eine grundehrliche Haut. So einer tut der Politik allemal gut.