Mittlerweile hat der Volkswirtschaftsminister gemerkt, dass er einen Zacken zulegen muss. Er hat seinen Rhythmus intensiviert und startet den Arbeitstag nun um halb sieben. Es macht ihm aber Mühe, dass ein Grossteil seines Tageswerks von einer randvollen Agenda diktiert wird.

Wechsel war ein Kulturschock

Der Wechsel vom Unternehmer zum Berufspolitiker sei für ihn ein wahnsinniger Kulturschock gewesen, heisst es in seinem Departement. Er kam mit der Vorstellung nach Bern, als Bundesrat die grossen Linien der Politik zu gestalten. Um all die Detailfragen würde sich dann Heerscharen von kompetenten Beamten kümmern.

Doch nur wer die Dossiers genau kennt, kann der mächtigen Verwaltung seinen Stempel aufdrücken und neue Impulse geben. SchneiderAmmann war überrascht, wie technisch und facettenreich die Probleme sind, mit denen sich ein Bundesrat herumschlagen muss. Leute, die ihn näher kennen, wundern sich: Musste der Langenthaler als Chef der Ammann-Gruppe nicht auch komplexe Entscheide treffen?

Unfairer Vorwurf von links

Trotz Startschwierigkeiten: Der Vorwurf von links, Schneider-Ammann sei nicht wahrnehmbar, ist unfair. Er hat die 100-Tage-Schonfrist genau für das genutzt, wofür sie da ist: Er hat begonnen, sich in die Themen einzuarbeiten und er hat ein Team um sich gebildet. Bei der Auswahl der neuen Leute sei er sehr sorgfältig vorgegangen, berichten Insider aus der Bundesverwaltung.

Die Enttäuschung der Linken liegt auch an übertriebenen Erwartungen. Als Exportunternehmer hatte seine Firma unter dem starken Franken gelitten. «Jetzt als Bundesrat unternimmt er viel zu wenig dagegen», kritisiert SP-Nationalrätin Hildegard Fässler. Dabei geht allerdings leicht vergessen, dass sich Schneider-Ammanns Vorgängerin Doris Leuthard und mit ihr der gesamte Bundesrat wohl genauso passiv verhalten hätte.

Bonus bei den Bauern

Andere Erwartungen hat er selber geschürt: Als er kurz nach Amtsantritt offensiv den Medien Interviews anbot, in denen er gegen die Steuerinitiative ankämpfte, war er einen Moment lang sehr präsent. Doch danach zog er sich praktisch wieder ganz aus der Öffentlichkeit zurück. In dieser Zeit blieb er aber nicht untätig, sondern knüpfte Kontakte hinter den Kulissen. Zum Beispiel zur Bauernschaft, bei der SchneiderAmmann einen Bonus geniesst. Während der Wintersession hat er Bauernvertreter zu einem Morgenessen eingeladen und ihnen vor allem zugehört.

CVP-Nationalrat und Landwirtschaftsvertreter Markus Zemp lobt die Offenheit des Wirtschaftsministers. Was dies für beide Seiten wert ist, wird sich beim innenpolitischen Ringen um das Agrar-Freihandelsabkommen zeigen, das die Schweiz derzeit mit der EU aushandelt. Allerdings stocken die Verhandlungen, weil die Union zusehends Mühe mit dem bilateralen Weg hat. Sie macht Druck für einen Mechanismus zur Übernahme von neuem EU-Recht durch die Schweiz. Neben der Landwirtschaft ist dies die zweite grosse Baustelle, die Schneider-Ammann – zusammen mit dem Aussendepartement – in den kommenden Monaten anpacken muss.

Umgänglich und selbstkritisch

Mitarbeiter beschreiben ihren neuen Chef als umgänglich und selbstkritisch. Er könne zuhören und stelle gute Fragen. Bei Auftritten und Präsentationen sei er streng darauf bedacht, dass alles bis ins letzte Detail sitzt. Bevor er entscheide, wäge er lange ab. Doch es wächst auch die Ungeduld: Jetzt kommt die Zeit, wo er entscheidungsfreudiger werden muss, ist zu hören.

Mit seiner konzilianten Art tut er dem Bundesrat, in dem das Klima in letzter Zeit sehr angespannt war, sicher gut. Ihm liegt viel daran, dass die Mitglieder wieder besser miteinander auskommen. Weil er keine enttäuschten Verlierer will, wäre es ihm am liebsten, die Regierung würde wenn immer möglich im Konsens entscheiden, heisst es im Umfeld des Bundesrats.

Eher konfliktscheu

Schneider-Ammann ist jemand, der Konflikte eher scheut. Im Nationalrat ist er nicht dadurch aufgefallen, dass er auch dann hartnäckig für seine Ideen kämpft, wenn sie bei den Kolleginnen und Kollegen auf Widerstand stossen. Doch der Bundesrat ist kein Wohlfühl-Club, sondern ein Gremium, in dem hart um Positionen gerungen wird. Schneider-Ammann muss aufpassen, dass er von den vier Bundesrätinnen nicht abgehängt wird.

Mit Ausnahme von Micheline Calmy-Rey haben sie wie der FDP-Vertreter neue Departemente übernommen, bewegen sich bereits sicher in ihren Dossiers, lassen eine Handschrift erkennen – und vor allem: Sie sind bereit, für ihre Überzeugungen zu kämpfen.