Wer sich auf der Website des Berner Inselspitals durch die Stellenanzeigen ackert, muss fleissig scrollen und klicken. Auf 21 Seiten finden sich über 200 freie Jobs. Von der Analytikerin über den Logopäden bis hin zur Psychoonkologin. Damit sucht die Berner Inselgruppe so viel Personal wie sonst kein Schweizer Spital, wie der neueste Jobradar der Firma X28 AG zeigt.

Doch auch bei der Hirslanden Gruppe, beim Universitätsspital Zürich oder beim Kantonsspital St.Gallen gibt es freie Jobs bis zum Abwinken. So viele, dass es für einen neuen Rekord reichte, wie das Portal Medinside schreibt. Ende 2017 gab es im Schweizer Gesundheitswesen 7673 freie Stellen. So viele Vakanzen hat keine andere Branche.

In den letzten vier Jahren stieg die Zahl der offenen Stellen stetig. Beispiel: Ende 2014 waren 1130 Ärzte-Stellen ausgeschrieben, Ende 2017 waren es gemäss Jobradar bereits 2700. Gesucht sind gemäss der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH) vor allem Kinder- und Hausärzte, aber auch Psychiater und Gynäkologen. 

Noch krasser steht es um die Pflegefachleute. Wie gefragt sie sind, zeigt auch die Umfrage von watson. So hat das Universitätsspital Zürich alleine im Pflegebereich 100 freie Stellen.

Es harzt bei der Ausbildung

Der Grund für den Mangel an Pflegefachpersonen sei simpel, sagt Helena Zaugg, Präsidentin des Schweizerischen Berufsverbands der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK): «Wir bilden seit zehn Jahren zu wenige aus.» Und zwar halb so viele wie eigentlich nötig wären.

Denn: «Die Ausbildung und die Anstellungsbedingungen sind schlicht unattraktiv», sagt Zaugg. Wer sich zur Pflegefachperson ausbilden lässt, verdient rund 1000 Franken im Monat. Und nach abgeschlossener Ausbildung leidet er unter dem Fachkräftemangel. Im Klartext: Verantwortung für viele Patienten und hohe zeitliche Flexibilität, um auch kurzfristig einspringen zu können.

Die Spitäler selber machen neben den vielen Beschäftigten die hohe Fluktuationsrate für die vielen freien Stellen verantwortlich. Zudem nehme die Zahl Patienten stetig zu – durch den steigenden Altersdurchschnitt und neue medizinische Möglichkeiten. Dies führt zu einem Mehrbedarf an Personal und damit zu einer Verschärfung des Fachkräftemangels.

Die Verantwortlichen der fünf angefragten Spitäler beschwichtigen jedoch: So viele offene Stellen sei nichts Ungewöhnliches und mache sich im Alltag nicht bemerkbar. Zumindest für die Patienten. «Natürlich wird das Personal aufgrund von Vakanzen teilweise zusätzlich gefordert», gibt das Kantonsspital St.Gallen Auskunft. Und das Universitätsspital Basel meint: «Sämtliche Wechsel stellen gewisse Anforderungen an die Flexibilität der Mitarbeitenden.» Doch da die Stellen meist innert nützlicher Frist besetzt werden können, gebe es keine grösseren Auswirkungen. 

Um dennoch den Bedarf an Fachkräften zu decken, suchen die Spitäler auch im Ausland nach Ärzten und Pflegepersonal. So handhaben es beispielsweise die Universitätsspitäler Zürich und Basel. Ihre Bedingung: Die Kandidatinnen und Kandidaten müssen über gute Deutschkenntnisse verfügen. 

«Sowohl bei Grundversorgern als auch bei einzelnen Spezialistendisziplinen sind wir auf die Zuwanderung ausländischer Ärzte angewiesen, um die Versorgung sicherzustellen», sagt Dr. med. Jürg Schlup, Präsident der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH). Durch die Verdoppelung der Anzahl Studienplätze zwischen 2008 und 2018 werde sich die Situation bis in zehn Jahren verbessern, ist er überzeugt. 

Helena Zaugg vom Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner sieht weniger optimistisch in die Zukunft. «Die Bedingungen müssen sich verbessern. Wir können uns nicht nur auf Fachkräfte aus dem Ausland verlassen.» Darum hat der Verband jetzt das Heft in die eigenen Hände genommen. Die sogenannte Pflegeinitiative will Massnahmen herbeiführen, die den Pflegeberuf wieder attraktiver machen. Bereits wurden über 120'000 Unterschriften gesammelt und die Volksinitiative eingereicht.