Bildung
Jetzt stehen die Geisteswissenschaften im Schussfeld

Die obersten Bildungspolitiker üben Druck auf Akademiker und Geisteswissenschafter aus. Ende Oktober warnte Johann Schneider-Ammann vor zu vielen Maturanden. Politiker spreche sich jetzt für eine Zulassungsbeschränkung aus.

Lucien Fluri
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«In Ländern mit hoher Maturaquote ist auch die Arbeitslosigkeit höher», sagte der Bildungsminister in der «NZZ am Sonntag». Er beklagte eine Kopflastigkeit, die zur Deindustrialisierung beitrage.
Dieses Wochenende zog Christian Amsler nach. Der Schaffhauser Regierungsrat und designierte Präsident der Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz forderte in der «SonntagsZeitung» eine Zulassungsbeschränkung für «unrentable Studienrichtungen, mit denen Absolventen keine Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. So etwa Ethnologie und Soziologie.»

Maturandinnen sind der Grund

Zu viele Maturanden und zu viele Studenten? Mit jeder Pisa- und OECD-Studie, die in den letzten Jahren die tiefe Schweizer Maturitätsquote erwähnte, kam die Forderung nach mehr Maturanden auf. Die Angst ging um, den Anschluss in der Hightech-Gesellschaft zu verlieren.

Ist nun eine Trendwende auszumachen? Tatsache ist jedenfalls: Von der höheren Maturitätsquote haben in den letzten Jahren nicht wie erhofft die technischen Fächer profitiert. Es sind die Geisteswissenschaften, die von den zusätzlichen Maturanden profitierten. Dort - und bei den Juristen - hat sich die Zahl der Master- und Lizenziatsabschlüsse verdoppelt. Bei den Technischen Wissenschaften nahm die Zahl um weniger als ein Drittel zu.

Rudolf Minsch, Chefökonom des Wirtschaftsdachverbandes Economiesuisse, erstaunt das nicht. Denn die Steigerung der Maturitätsquote in der Schweiz geht auf immer mehr junge Frauen zurück, die die Matur machen. In der Folge steigt auch die Nachfrage bei den Geisteswissenschaften. «Diese sind für Frauen attraktiv», sagt Minsch. «Solange wir als Gesellschaft nicht fähig sind, die Frauen für technische Studiengänge zu motivieren, haben wir ein Problem.» Auch bei den Universitäten ortet Minsch Handlungsbedarf. «Geisteswissenschafter und Jus-Studenten sind für Universitäten richtige Cash-Cows», sagt Minsch. Für jeden dieser Studenten bekämen die Universitäten interkantonale Beiträge. Im Vergleich zu den Naturwissenschaften seien die Investitionen jedoch gering. «Wir müssen die Finanzierungsanreize überdenken.» Eine Zulassungsbeschränkung lehnt Minsch jedoch ab. «Die Politik weiss nicht, was in vier, fünf Jahren auf dem Arbeitsmarkt gefragt ist.»

«Geschmack von Planwirtschaft»

Auf Unverständnis stösst die Forderung nach einer Zulassungsbeschränkung bei den Universitäten. «Das hat den Geschmack von Planwirtschaft», sagt Antonio Loprieno, Rektor der Universität Basel und Präsident der Schweizer Rektorenkonferenz. «Es bringt nichts, Leute in Fächer zu jagen, die sie nicht interessieren», ergänzt Markus Zürcher, Generalsekretär der Akademie für Geistes- und Sozialwissenschaften. Christian Amslers Aussage, Geisteswissenschafter hätten keine Chance auf dem Arbeitsmarkt, weist Zürcher zurück. «Das ist nachweislich falsch.» Einzig im ersten Jahr nach dem Abschluss sei eine höhere Erwerbslosenquote nachweisbar. «Fünf Jahre später ist absolut kein Unterschied mehr sichtbar.»

«Alle empirischen Umfragen ergeben ein anderes Bild. Unabhängig vom Fach haben Geisteswissenschafter sehr gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt», sagt auch Antonio Loprieno. Er hält wenig davon, Berufsbildung und Maturität gegeneinander auszuspielen. «Wir haben mehr Lehrstellen als Lehrlinge und wir haben mehr akademische Stellen als akademische Anwärter. Das ist das generelle Problem der Schweizer Wirtschaft. Die Bedürfnisse sind höher als das, was wir demografisch liefern können.»

Den von Johann Schneider-Ammann propagierten Zusammenhang zwischen hoher Maturitätsquote und hoher Jugendarbeitslosigkeit sieht Loprieno nicht. In Ländern mit hoher Jugendarbeitslosigkeit sei das duale Bildungssystem nicht so ausgeprägt wie in der Schweiz. Dort werde für zahlreiche Berufe die Maturität verlangt, für die in der Schweiz kein Gymnasium besucht werden müsste. Die Frage sei, ob in diesen Ländern aufgrund der wirtschaftlichen Lage nicht auch der Druck höher sei, überhaupt eine Matur zu machen.

Regierungsrat Christian Amsler ruderte gestern zurück. Das Wort «unrentabel» will er nicht mehr für Studiengänge verwenden. «In der Wirtschaft kann man von rentabel und unrentabel sprechen, aber sicher nicht bei der Bildung», so Amsler. «Kein Studiengang soll gegen einen anderen ausgespielt werden.»

Angesichts der Sparmassnahmen bei der Volksschule sei eine Diskussion über einen angemessenen Sparbeitrag der Universitäten jedoch dringend nötigt. «Es kann nicht sein, dass wir nur bei der Volksschule Lektionen abbauen müssen.» Kommentar rechts

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