’Ndrangheta
Jetzt sind die Gangster gewarnt: Italiener verärgern Schweizer Mafia-Jäger

Die offensive Kommunikation der italienischen Polizei hat der Arbeit der Schweizer Ermittlungsbehörden geschadet. Mitglieder der kalabresischen Mafia, welchen die Verhaftung gedroht hätte, sind nun vorgewarnt.

Antonio Fumagalli und Daniel Fuchs
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Er hätte es anders gemacht: Bundesanwalt Michael Lauber.

Er hätte es anders gemacht: Bundesanwalt Michael Lauber.

Keystone

Am liebsten hätten sie geschwiegen, die obersten Mafia-Jäger der Schweiz – doch dann kamen ihnen die italienischen Behörden und ihre offensive Informationspolitik zuvor. Und so mussten Bundesanwalt Michael Lauber und sein Abteilungsleiter Carlo Bulletti kurzfristig eine Pressekonferenz einberufen.

Was war geschehen? Die italienische Polizei verhaftete Ende letzter Woche in der Provinz Reggio Calabria 16 Personen, darunter zwei Männer, die in der Schweiz wohnhaft sind.

Sie alle sollen der kalabresischen Mafia-Organisation ’Ndrangheta angehören. Daraufhin haben die italienischen Behörden Rechtshilfeersuchen an die Schweiz gestellt.

Gut integrierte Mafiosi

Doch der Kreis der Inhaftierten hätte bald schon viel grösser sein können – denn die Schweizer Bundesanwaltschaft führt seit mehreren Jahren eine Strafuntersuchung gegen Personen, die der Mitgliedschaft und Unterstützung der ’Ndrangheta verdächtigt werden. Wie Bundesanwalt Lauber ausführte, richten sich die Ermittlungen gegen «10 bis 20 Personen», die teilweise schon seit Jahrzehnten im Raum Frauenfeld wohnhaft sind.

Die meisten von ihnen sind italienische Staatsbürger, die hierzulande bestens integriert sind. Den mutmasslichen ’Ndrangheta-Mitgliedern wird vorgeworfen, im grossen Stil in den Drogen- und Waffenhandel involviert zu sein – wobei sie gemäss der Bundesanwaltschaft «schwergewichtig in Italien operieren».

Wann die Handschellen genau zugeschnappt wären, ist unklar. «Allzu lange wäre es wohl nicht mehr gegangen», sagt Abteilungsleiter Bulletti. Man könne von ein paar Monaten ausgehen. Doch ob es noch zu diesen Verhaftungen kommt, ist alles andere als sicher – denn die Verdächtigen sind nun vorgewarnt. Die italienischen Behörden haben den Coup von letzter Woche offenherzig der Öffentlichkeit preisgegeben und sogar ein Video publiziert, das aus den Untersuchungen der Bundesanwaltschaft stammt.

Grosser Erfolgsdruck

Für die Schweizer Ermittler eine denkbar ungünstige Aktion: «Wir hätten dies anders gehandhabt», so Bulletti. Er erklärt sich die Informationspolitik mit dem grossen Erfolgsdruck, unter dem die italienische Polizei steht. Der seit Jahrzehnten andauernde Kampf gegen das organisierte Verbrechen hat seine Spuren hinterlassen.

Die Thurgauer ’Ndrangheta-Zelle stellt für die Öffentlichkeit keine unmittelbare Gefahr dar, versuchte Bundesanwalt Lauber zu beruhigen: «Die Schweiz ist ein kein mafiöses Land.» Die Verdächtigen hätten hier «einen Ruhepol» und würden sich hüten, in der Schweiz kriminell zu werden, ergänzte Bulletti.

«Seid ihr folgsam?»

Wie die «Schweizer Mafiosi» operieren, belegt das von den italienischen Behörden publizierte Video: Es zeigt einen Mann in der Gaststube eines Frauenfelder Restaurants, der ganz die Riten der kalabrischen Mafia befolgt. Vermutlich rekrutiert er neue Gefolgsleute. In theatralischer Manier begrüsst er die 15 Männer, die um zwei zusammengestellte Tische sitzen, mit den Worten: «Seid ihr folgsam?» Im Chor antworten diese: «Ja, wir sind folgsam.»

Dann spricht der Mann übers Geschäft: Er nennt Erpressung, aber auch Drogenhandel. «Kokain, Heroin, ich überbringe es euch persönlich.» Am Schluss des Videos warnt der Anführer die anwesenden Männer: Der Clan verhalte sich ruhig und ehrenvoll «hier in Frauenfeld». Und das solle auch so bleiben.

Beim Kopf der Frauenfelder Clans handelt es sich gemäss italienischen Medien um Antonio N.* Die Bundesanwaltschaft will sich dazu nicht äussern. «Ein Rest Schweizer Praxis wollen wir aufrechterhalten und nicht Namen nennen», sagt Lauber. Bis am Abend tauchten auch Fahndungsbilder des Thurgauer Paten mit direktem Draht in die kalabrische Heimat, ins Dorf Fabrizia, auf.

Dass die Schweiz gemäss der Bundesanwaltschaft kein mafiöses Land ist, relativiert der letztjährige Jahresbericht der Bundeskriminalpolizei: Dieser resümiert, «dass sich in der Schweiz mehrere operativ relativ unabhängige Strukturen der ’Ndrangheta etabliert haben». Sie stünden unter dem Einfluss von Kalabrien. Hiesige Konflikte zwischen Mitgliedern und einzelnen Unterorganisationen seien zwar bisher in Italien ausgetragen worden, doch sei Gewalt auch hierzulande nicht ausgeschlossen.

Und: Von den vier grossen Mafiaorganisationen, der Camorra, der Cosa Nostra und der apulischen Sara Corona Unità sei nur die ’Ndrangheta wirklich aktiv in der Schweiz, heisst es.

*Name der Redaktion bekannt.

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