Fall Carlos
Jetzt redet Carlos: «Ich bin doch keine Abstimmungsvorlage»

Der verurteilte Jugendstraftäter «Carlos» äussert sich erstmals öffentlich zu den Ereignissen der vergangenen Monate. Er habe sich geändert und zu Gott gefunden, sagt er in der aktuellen Ausgabe der «Weltwoche».

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"Carlos" in betreuter Wohneinrichtung in Reinach BL (Archiv/Quelle: SRF)

"Carlos" in betreuter Wohneinrichtung in Reinach BL (Archiv/Quelle: SRF)

Keystone

Der Medienrummel um seine Person macht «Carlos» zu schaffen. «Ich denke, 99 Prozent der Leute hassen mich», so der 18-Jährige in der aktuellen «Weltwoche». Er habe viel falsch gemacht und wolle nichts beschönigen. Doch seit dem Angriff auf einen Jugendlichen habe sich viel verändert.

Die Kraft dafür findet «Carlos» auch in seinem Glauben. «Ich fasste Vertrauen zu Gott», sagt er. Dadurch begann er, sein Leben endlich selbst in die Hand zu nehmen.

Die Kritik in den Medien sowie die Rufe nach einer härteren Strafe verletzen ihn. Er glaube nicht, dass in der Schweiz je ein Jugendlicher so lange im Gefängnis gesessen habe.

Überprüfung durch Justizkommission

Die Anordnung des Sonder-Settings für "Carlos" ist korrekt abgelaufen. Bei den Kosten hätte man jedoch genauer hinschauen müssen. Zu diesem Schluss kommt die Justizkommission des Zürcher Kantonsrates. Wegen der grossen medialen Öffentlichkeit wurde Carlos am 30. August in Zürich auf offener Strasse festgenommen und ins Gefängnis Limmattal eingewiesen - zu seinem eigenen Schutz, wie es damals hiess. In der vergangenen Woche hatte die Zürcher Oberjugendanwaltschaft dann die Verlegung ins Massnahmenzentrum Uitikon ZH (MZU) angeordnet. Durch die Verlegung ins MZU fühlt sich "Carlos" "verarscht und hintergangen", wie er in der "Weltwoche" sagt. Kurz vor seiner Verlegung hätte er nämlich eine Vollmacht für ein neues Sonder-Setting unterschreiben sollen. (sda)

Höchstens ein Taschengeld

Auf die monatlich bis zu 30 000 Franken teure Sonderbehandlung angesprochen, welche die breite Diskussion ausgelöst hatte, meint Carlos, dass er abgesehen von Taschengeld davon nie etwas gesehen habe. Gerne würde er auf privaten Schulunterricht und Wohnung verzichten, solange er das Boxtraining fortführen kann. Dies ermögliche ihm Perspektiven für die Zukunft.

«Carlos» war wegen einer Messerattacke auf einen anderen Jugendlichen in Zürich verurteilt worden. Heute blickt er mit Befremden auf diese Zeit zurück. Er habe damals Drogen konsumiert, sei beim Angriff «total bekifft» gewesen.

Eingesperrt auf Druck der Öffentlichkeit

Heute konsumiere er keine Drogen mehr. Die Genugtuung von 20000 Franken würde er seinem Opfer bezahlen, wenn er das Geld hätte.

Seine erneute Inhaftierung empfindet «Carlos» als ungerecht. Politiker und Behörden hätten diese auf Druck der Öffentlichkeit angeordnet. «Ich bin doch keine Abstimmungsvorlage.», wehrt sich der 18-Jährige. (cze)

 «Carlos» wurde 2013 bekannt, als er im Rahmen der SRF-Fernsehsendung «Der Jugendanwalt» vorgestellt wurde. Zu diesem Zeitpunkt war er ein 17-jähriger Straftäter, der 34 Mal wegen verschiedener Delikte verurteilt worden war.
9 Bilder
 Der Fall schlug hohe Wellen, weil der gewalttätige Jugendliche den Staat im Rahmen eines Resozialisierungsprogramms für schwer erziehbare Jugendliche 29'200 Franken im Monat kostete.
 In diesem Kampfsport-Zentrum in Reinach genoss "Carlos" fast täglich Thaibox-Unterricht.
 Die erste Medienkonferenz zum Fall «Carlos» 2013. Justizdirektor Martin Graf (rechts) spricht sich gegen «Luxus und Nice-To-Haves» in einem Sondersetting aus. Er stuft die Kosten als zu hoch ein. 2014 wird das Sondersetting von «Carlos» angepasst. Statt monatlich 29'000 Franken sollen sich die Kosten neu auf 19'000 Franken belaufen.
 Gerichtszeichnung von Linda Graedel.
 Nur 21 Tage, nachdem «Carlos» aus dem Gefängnis entlassen wurde, sitzt er am 1. April 2016 wieder in U-Haft. Er hatte mit einem Faustschlag einen Mann aus einem Tram katapultiert.
 Das Bezirksgericht Zürich verurteilt «Carlos» im März 2017 zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von eineinhalb Jahren wegen versuchter schwerer Körperverletzung. Gerichtszeichnung von Linda Graedel. Anschliessend an die Freiheitsstrafe beantragte die Staatsanwaltschaft eine Untersuchungshaft.
Das Bundesgericht hat in einem am Donnerstag publizierten Urteil bestätigt, dass bei dem jungen Mann von Wiederholungsgefahr ausgegangen werden darf: "Carlos" wird nach Verbüssung der Freiheitsstrafe in Untersuchungshaft genommen.

«Carlos» wurde 2013 bekannt, als er im Rahmen der SRF-Fernsehsendung «Der Jugendanwalt» vorgestellt wurde. Zu diesem Zeitpunkt war er ein 17-jähriger Straftäter, der 34 Mal wegen verschiedener Delikte verurteilt worden war.

Keystone