Masshalten bei einem guten Essen und gutem Wein falle ihm schwer, sagt Jürgen Grossmann (62): «Dieses Schicksal teile ich mit verschiedenen Leuten.» Der deutsche Stahlunternehmer aus dem Ruhrpott hat Herz, Humor – und viel Ehrgeiz. Seine Mutter habe ihm stets gesagt, der Herrgott habe einen mit einer bestimmten Menge an Talenten ausgestattet: «Man hat die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, daraus etwas zu machen.»

Das tat er. Er studierte Eisenhüttenwesen, Volks- und Betriebswirtschaft. 1993 kaufte er seinem Arbeitgeber Klöckner einen damals maroden Stahlproduzenten ab, die «Georgsmarienhütte». Für die Übernahme von mehr als 100 Millionen Schulden zahlte er einen symbolischen Betrag von zwei D-Mark.

«Ich bin ein sehr emotional geprägter Industrieromantiker aus dem Ruhrpott», sagt er von sich. Deshalb habe er den Kauf nie bereut. Die Gruppe, die auch im Anlagenbau tätig ist, setzt mit 11 000 Mitarbeitern rund 2,7 Milliarden Euro um. Er selbst hat sich aus dem Unternehmen zurückgezogen, übt aber verschiedene Mandate als Aufsichtsrat aus, wie in Deutschland Verwaltungsräte genannt werden.

Keine Krise im Stahlwerk

Mit Währungsturbulenzen kennt sich Grossmann aus. Beim Eintritt in den Euro habe sich die D-Mark um rund 20 Prozent gegenüber allen Partnerwährungen aufgewertet: «Das versetzte der deutschen Wirtschaft damals einen schweren Schlag.»

Später hätte er auch die Vorteile der Euro-Einführung erkannt: «Wir begannen zu rationalisieren, die Effizienz und damit die Produktivität zu steigern.» Geholfen habe, dass der Kurs des Euros seither festgeschrieben war. Heute befeuere der weiche Euro den Absatz der Autoindustrie. Als deren Zulieferer unterstütze dies den Absatz seiner Produkte. «Wir befinden uns nicht in der Krise», sagt Grossmann.

In der Schweiz hingegen wisse keiner, wie es weitergehe, sagt er: «Das ist das Tragische. Je weicher der Euro, desto grösser ist der Aufwertungsdruck beim Franken.» Das schafft auch ihm Probleme: Er ist seit 2006 Besitzer des Luxushotels Kulm in Arosa (GR). «Wer eine Fünf-Sterne-Hotel-Leistung erbringen will, ist kaum in der Lage zu rationalisieren», sagt Grossmann.

Für ein Produktionsunternehmen sei es wahrscheinlich leichter, mit dieser Herausforderung fertig zu werden, als für die Gastronomie und Hotellerie, sagt er: «Der Gast kommt, weil er eine persönliche Betreuung haben will.» Die «üppigen Mindestlöhne» in der Schweiz, kombiniert mit dem teuren Franken, hätten zur Folge, dass sich viele Gäste fragen: «Kann ich mir das noch leisten? Oder erhalte ich eine ähnliche Leistung in anderen Ländern nicht wesentlich billiger?»

Diese Frage stellten sich nicht nur Ausländer, erfuhr Grossmann gestern Abend in Davos am Rande des World Economic Forum (WEF). Er habe eine «reizende Schweizerin» getroffen, sagt der Unternehmer. Sie habe ihm erzählt, sie fahre jetzt in Lech am Arlberg Ski. Auf die Bitte der «Nordwestschweiz» telefoniert er mit seinem Hotelmanager. Dieser sagt ihm, dass bereits drei Gäste ihre Buchung storniert hätten. «Ein Schweizer ist ebenfalls darunter», sagt Grossmann: «Er macht auch Ferien in Lech.»

Vorderhand will Grossmann der Versuchung widerstehen, die Immobilie in Zweitwohnungen oder in ein Hotel für Ferienanbieter wie den Club Med umzuwandeln.

Kein Schnellschuss geplant

Das Hotel sei auch in dieser Saison «super» unterwegs gewesen, deshalb warte er nun mal ab, wie sich die Wechselkurssituation weiterentwickle: «Ich will keinen Schnellschuss machen. Aber ich möchte auch keine Bestandesgarantie abgeben. Das wäre falsch. Dann erlahmt der Ehrgeiz.»

Nicht nur der Franken, sondern auch die Mitgliedschaft ist beim WEF teurer geworden. Deshalb will sich Stammgast Grossmann diese Kosten-Nutzen-Überlegung irgendwann auch über seine Teilnahme am WEF machen. Doch vorerst stand Wichtigeres bevor: Wie immer am Mittwochabend lud Grossmann auch gestern ein paar Dutzend Spitzenvertreter aus Politik und Wirtschaft ein, darunter Ex-Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und Finanzinvestor Carsten Maschmeyer mit Gattin Veronica Ferres. Gesprochen werde nicht über Geschäfte, sagt Grossmann, es gehe um die Einschätzung der Weltlage, politisch wie wirtschaftlich: «Es gibt wieder viel mehr Krisen als im Zustand der Glückseligkeit nach dem Zusammenbruch der Blöcke.»