«Jetzt kommt die mit den roten Pantöffeli»

Die Ortssektion Seon der Sozialdemokratischen Partei (SP) feiert am Freitag, 6. November, ihren 100. Geburtstag. Der aktuelle Präsident Reinhard Keller und die ehemalige Aktuarin Rosmarie Röthenmund sprechen über ihren Weg in die Politik, über Nachwuchsprobleme und das anstehende Geburtstagsfest.

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100 Jahre SP Seon

100 Jahre SP Seon

Lenzburger Bezirks-Anzeiger

Philipp Muntwiler

Die SP-Ortssektion Seon wird am 6. November 100 Jahre alt. Warum haben Sie Christian Levrat dazu eingeladen?
Reinhard Keller: Wir wussten vor eineinhalb Jahren schon, dass wir den damals neuen Schweizer Parteipräsidenten zu uns aufs Land holen wollten. Das war eine spontane Idee. Und weil es keine Parteiversammlung werden sollte, sondern ein Anlass auch fürs Gemüt, haben wir ein Programm aus Geschichte, Kabarett, Musik und Tanz zusammengestellt. Ich freue mich, dass sich bereits über 60 Personen zum gemütlichen Beisammensitzen angemeldet haben. So auch Präsidenten von anderen Parteien.

Braucht es die SP noch oder gehört sie mit ihren 100 Jahren zum alten Eisen?
Keller: Unsere Partei ist und war immer akzeptiert im Dorf. Auch andere Parteien sagen: Wir brauchen euch. Die Rechte definiert sich durch die Linke. Aber wir haben durchaus Probleme.

Geburtstagsfeier

Freitag, 6. November, 19.30 Uhr;
Kulturzentrum (Halle 5), Seon.
Türöffnung: 19 Uhr.
Programm: Musik und Tanz mit der Schürmüli Musig, Unterhaltung mit dem Kabarett «schön&gut» und Ansprache von Christian Levrat, Präsident SP Schweiz.
Rosmarie Röthenmund berichtet aus der Geschichte der Ortssektion Seon, die am 6. November 1909 von 20 Personen als Arbeiterverein Seon gegründet wurde. (PMN)

Wie äussern sich diese?
Keller: Wir haben nur 23 Mitglieder. Es ist ein Teufelskreis: Je weniger Mitglieder wir haben, desto karger fällt das Budget aus und desto weniger können wir auf unsere Anliegen aufmerksam machen. Aber viele Anliegen und Bedürfnisse, welche die SP im Dorf unterstützt, werden auch durch andere Gruppierungen besetzt. Für die kantonalen und schweizerischen Anliegen der Partei sind die Sektionen ein sehr wichtiges Element.

Können Sie uns ein Beispiel nennen?
Keller: Der Elternverein kümmert sich ebenfalls um die Anliegen der Eltern und Kinder. Bildung ist für die SP ein wichtiges Thema. Wir sind durchaus auch in übergeordneten Kommissionen vertreten, zum Beispiel im Bereich Verkehr. Das ist ein Thema, das uns alle beschäftigt. Hier engagieren wir uns für Lebensqualität im Dorf. Wir hatten einen Stand am Unterdorfmarkt. So kommen wir in Kontakt mit vielen Interessierten. Aber es ist ganz schwer geworden, dass sich Leute einer Partei zur Verfügung stellen und Mitglied werden. Das Nachwuchsproblem kennen aber auch andere Parteien.
Rosmarie Röthenmund: Es gab einige junge Mitglieder mit Familie. Die kamen durch ihre Eltern in die Partei. Aber entweder sind sie noch anderswo engagiert oder aus dem Dorf weggezogen.
Keller: Wir sind mehrheitlich aktive ältere Menschen. Die Jungen fehlen tatsächlich. Wir versuchen immer wieder, Personen für unsere Partei zu gewinnen. Es ist schon möglich, dass die für unsere Anliegen stimmen und uns wählen. Denn wir haben gegen 300 Wähler und Sympathisanten. Aber diese zum aktiven Mittun zu bewegen, ist sehr schwierig.

War das früher einfacher?
Keller: Wir hatten lange Zeit mehr Mitglieder. Zur Gründungszeit ging es den Menschen nicht so gut. Es gab existenzielle Kämpfe um Arbeitsbedingungen und Lebensqualität. Die Frage «Kann ich mir ein Zugbillett nach Lenzburg leisten?» stellte sich vor 100 Jahren für viele Menschen.
Röthenmund: Die SP - oder besser gesagt: der Arbeiterverein - hat sich für Kultur und Bildung im Dorf engagiert. Es gab noch keine Fernseher. Also wurden Veranstaltungen organisiert. Es wurde ein Konsumverein gegründet, später das Hallenbad initiiert. Auch das Altersheim geht auf Anstösse aus der SP zurück. Löhne, Gesamtarbeitsverträge - das waren und sind immer noch wichtige Anliegen.

Welches Schlüsselerlebnis hat Sie denn in die Politik gebracht?
Keller: Das war die Abstimmung über ein neues Sozialhilfegesetz in den Achtzigerjahren. Von bürgerlicher Seite wurde es massiv schlecht gemacht. Ich wollte mich engagieren und trat der SP bei.
Röthenmund: Zuhause wurde nicht politisiert. Erst mein Mann brachte mich in die SP. Ich wollte mich stark machen für Menschen, die nicht in der Lage waren, sich selber zu wehren. So wuchs mein Engagement. Weil mein Mann diverse Ämter innehatte, gab es bei uns eine klassische Rollenverteilung: Ich machte die Wasserträgerarbeit . . .
Keller: . . . aber die dafür sehr gut. Du musst dein Licht nicht unter den Scheffel stellen, du hast das ausgezeichnet gemacht.
Röthenmund: Ich hätte mich gerne mit Frauen für Frauenthemen stark gemacht. Aber das war nicht so einfach.

Wieso war das nicht einfach?
Röthenmund: Ganz am Anfang, als ich neu Mitglied war, waren die Frauen zwar an Versammlungen, aber sie haben nie etwas gesagt. Das hat sich zum Glück völlig geändert. Aktuell besteht der Vorstand sogar aus drei Frauen und einem Mann.
Keller: Für mich war das schon immer selbstverständlich, dass Frauen politisch aktiv sein sollen. Ich war am letzten grossen Umzug für das Frauenstimmrecht in Zürich mit einer Fackel dabei.
Röthenmund: Es gab Grossräte, die sich fürs Frauenstimmrecht eingesetzt haben und dann abgewählt wurden. Tragisch.

Welches Erlebnis im Zusammenhang mit Ihrer politischen Tätigkeit ist Ihnen in Erinnerung geblieben?
Röthenmund: Wir waren im Volksmund immer die «Roten». Ich war auch in der Spitex aktiv. Da musste ich wöchentlich einen Patienten pflegen, der eine völlig andere politische Gesinnung hatte als ich. Er wartete auf mich und sagte jedes Mal: «Jetzt kommt die mit den roten Pantöffeli». Wir hatten immer wieder spannende Diskussionen.
Keller: Ich bin jetzt seit 20 Jahren in der Partei. Früher mussten wir vor Wahlen oder Abstimmungen von Tür zu Tür gehen und Gespräche mit den Einwohnern führen. Das ist heute nicht mehr möglich.

Was sagt Ihre Familie zu Ihrem politischen Engagement?
Keller: Ich investiere im Schnitt einen halben Tag pro Woche. Meine Frau unterstützt das sehr. Sie ist zwar Mitglied einer anderen Partei, aber deswegen meiden wir politische Diskussionen überhaupt nicht. Die sind sehr spannend und dienen der Meinungsbildung.
Röthenmund: Mein Mann ist auch SP-Mitglied. Er ist von seiner Familie geprägt. Doch es gibt bei uns durchaus mal Meinungsverschiedenheiten. Ich bin vielleicht weniger linientreu. Wenn SP Schweiz oder Aargau etwas sagen, dann übertrage ich das nicht von vornherein auf mich. Ich hinterfrage die Parolen. Sage durchaus mal das Gegenteil.

Was sind Ihre Visionen, Träume, Ziele für Zukunft?
Keller: Auf lokaler Ebene? Sehr schwierig, hier eine Antwort zu geben. Ich stelle mir einfach vor, dass durch mehr aktive Mitglieder auch das Gedankengut im Dorf gestärkt wird. Die Lebensqualität sollte sich sicher nicht verschlechtern. Wir haben eine gute Qualität. Es gibt durchaus Gefahren. Beispiel Verkehr. Es wäre schön, wenn es in den Quartieren ruhiger würde. Auch sollte das Bildungswesen die Qualität halten können. Da sollten wir sehr engagiert sein.
Röthenmund: Ich hoffe, dass uns die Kraft nicht ausgeht für die Arbeit, den Beitrag, den wir im Dorf leisten. Wir erhalten auch immer die Bestätigung, dass unser Beitrag geschätzt wird. Solange wir das spüren, machen wir auch mit und hoffen, dass dann etwas nachzieht. Wir möchten noch eine Zeit Vorreiter sein und zeigen, dass man auch bis ins hohe Alter politisch aktiv sein kann.