Schwanschutz

Jetzt ist der Schwan an der Reihe

Bauern wollen die Schwäne nicht mehr auf ihrem Land dulden.

Bauern wollen die Schwäne nicht mehr auf ihrem Land dulden.

Nach Bundesrat und Ständerat will nun auch der Nationalrat den Schwanschutz lockern. Die Analyse zur Koexistenz von Mensch und Tier.

Schon seit Urzeiten haben Schwäne die menschliche Fantasie beflügelt. In der griechischen Mythologie verliebt sich Göttervater Zeus in Leda, die Tochter des aitolischen Königs Thestios. Er näherte sich ihr in der Gestalt eines Schwans und schwängerte sie. In der Kunst gilt der Schwan nicht als erotisches Symbol, sondern als Metapher für Reinheit. Doch in Wirklichkeit zeigt sich an den Ufern der hiesigen Gewässer ein ganz anderes Bild. Schwäne sehen zwar anmutig aus, sind aber keine putzigen, sauberen Wesen. Im Gegenteil: Mit ihrem Kot verschmutzen sie die Wiesen und sorgen bei den Bauern für Ärger. Das verunreinigte Gras werde von den Kühen nicht mehr gefressen und mache sie krank, klagen sie. Zudem habe der Schwan seine natürliche Scheu vor dem Menschen verloren und gefährde Spaziergänger, Radfahrer und Kinder, die unbedarft auf das zwar anmutige, jedoch auch wehrhafte Tier zugehen. Flugs wird der Ruf nach einem resoluten Eingreifen der Politik laut.

Der Schwan wird zum Sündenbock

Es dauerte denn auch nicht lange, bis Bundesbern auf den Schwan gekommen ist. Nach Bundesrat und Ständerat hat gestern auch der Nationalrat einem Vorstoss zugestimmt, der den Schwan-Schutz lockern will. Heute leben bis zu 5000 Schwäne in der Schweiz. Der Entenvogel ist geschützt, gilt aber als ungefährdet. Um den Bestand zu regulieren, sollen während der Brutzeit Schwan-Eier angestochen, geschüttelt oder durch Gipsattrappen ersetzt werden. Besonders pikant: mit dem Vorstoss des Nidwaldner Alt-Ständerats Paul Niederberger (CVP) wird auch der Abschuss der weissgefiederten Vögel ermöglicht.

Damit befindet sich der Höckerschwan in illustrer Gesellschaft. Ob Wolf, Luchs, Bär oder Biber: Die geschützten Tierarten, denen es seitens der Politik an den Kragen geht, häufen sich. Kaum eine Session vergeht, ohne dass eine von ihnen zur «Problemtierart» erklärt wird. Das ist schade, denn zuvor wird keine Anstrengung gescheut, um ehemals ausgerottete Tierarten wie den Bären oder den Wolf in der Schweiz wieder anzusiedeln.

Doch wie ein Kater nach durchzechter Nacht macht sich im Land schon bald Ernüchterung breit über das unmögliche Verhalten einzelner Tiere: Wölfe und Bären tauchen auf einmal in der Nähe menschlicher Siedlungen auf. Biber fällen Bäume und stauen Flüsse. Schwäne verkoten Wiesen und Spazierwege. Sprich: Die Natur ist kein Zoo, indem jedes Tier brav an dem ihm zugewiesenen Ort verharrt. Wildtiere halten sich nicht an die von uns in sie projizierten Wünsche und territorialen Grenzen.

Das Problem liegt nicht beim Tier

Kommt es zum Konflikt zwischen Mensch und Tier, werden rasch Emotionen entfacht. Die Politik muss reagieren. Um des Problems Herr zu werden, ist der Griff zum Gewehr verlockend nah. Übersehen wird dabei: Die Ursache des Problems liegt zumeist beim Menschen und nicht beim Tier. Der Höckerschwan verliert seine natürliche Scheu dann, wenn er gefüttert wird. Das ist auch der Grund, dass sich die Tiere an gewissen Stellen übermässig konzentrieren. Ein Fütterungsverbot könnte Abhilfe schaffen.

Auch handelt es sich beim Schwan um ein Wildtier in freier Natur und nicht um ein Pony im Streichelzoo. Wie jedes Wildtier verteidigt ein Schwan seine Jungen und sich selbst, wenn man ihm zu nahe tritt. Der Mensch tut also gut daran, gebührend Abstand zu halten. Doch mit solchen Massnahmen gewinnt man in der Politik keinen Blumentopf. Lieber werden einfache, sichtbare Lösungen propagiert, um die eigene Klientel bei der Laune zu halten. Statt beim unangemessenen Verhalten des Menschen anzusetzen, wird das Problem allzu oft beim Tier erkannt.

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